Menschenhafen (John Ajvide Lindqvist / Sascha Rotermund)

Titel:   Menschenhafen / Verlag:   Lübbe Audio / Laufzeit:   ca. 439 min / 6 CDs / Buch:   John Ajvide Lindqvist / gelesen von:   Sascha Rotermund

Inhalt:   „Papa, was ist das? Da hinten auf dem Eis?“ Ein strahlend schöner Wintertag. Anders steht mit seiner sechsjährigen Tochter Maja im Leuchtturm der Insel Gavasten und schaut aufs Meer hinaus. Eis und Schnee. Was hat seine Tochter in der Ferne erspäht? Da ist doch nichts. Kurz darauf läuft Maja hinaus, um nachzusehen – und der Alptraum beginnt. Obwohl sie auf der freien Eisfläche nicht verschwinden kann, passiert genau das. Plötzlich ist sie weg. Spurlos verschwunden. Anders und seine Frau haben kein Kind mehr… Jahre später erreichen Anders mysteriöse Botschaften. Lebt Maja etwa noch?


An dieses Hörbuch bin ich mit völlig falschen Erwartungen heran gegangen. Ich kannte den Autor nicht, folglich hatte ich auch keinen Schimmer, welches Genre er mit seinen Romanen bedient. Titel und Klappentext ließen mich auf einen skandinavischen Krimi oder gar Thriller hoffen, die ja überwiegend einen sehr guten Ruf haben.
Wie erschütternd war da doch die Erkenntnis, dass ich meilenweit daneben gelegen hatte. Denn mit Krimi hat Menschenhafen nichts zu tun, mit Thriller -mit viel gutem Willen- da schon eher. Für mein Empfinden ist dies ein sehr phantasievolles Schauermärchen. Mit dem auf freier Eisfläche verschwundenen Kind, dem „Wurm“ Spiritus, den ungewöhnlichen Veränderungen der Menschen und der Legende vom Verhältnis der Leute aus dem Ort zum Meer bringt dieses Schauermärchen eine ganze Reihe guter Ideen mit, die auf verschlungenen Wegen miteinander verbunden sind. Das Grauen schleicht sich wortwörtlich in die Geschichte ein, man bemerkt es zunächst kaum, aber plötzlich ist es dann da…und hält wirklich erschreckende und gruselige Szenen parat. Es gibt aber auch Passagen, nämlich genau zwischen diesen Szenen, die mich nicht gepackt haben, oder auch nicht mehr gepackt haben. Denn Anders Lamento um seine verschwundene Maja mag ja zwei- oder dreimal ergreifend sein, aber irgendwann habe ich da automatisch weggehört. Genauso ging es mir bei der regelmäßig wiederkehrenden „Behandlung“ von Spiritus um dessen Fähigkeiten zu wecken, anfangs interessant, neu und eklig, später dann nur noch eklig. Und Anders bei seinen Besäufnissen zu lauschen, ist auch nicht dauerhaft interessant. Zudem waren mir viele Charaktere zu „unhandlich“. Klar, jeder Mensch hat seine Ecken und Kanten, aber trotz der Tiefgründigkeit hier, scheinen die meisten Personen nur aus Ecken und Kanten zu bestehen.

Sascha Rotermund als Sprecher für diese Lesung war dann -nachdem ich erkannt hatte, dass sich da kein Krimi im Player dreht- gleich die nächste Überraschung. Denn hätte ich gewusst, welche Sorte Geschichte Menschenhafen ist, hätte ich mir eine kühle, distanzierte Stimme dazu vorgestellt. Doch Sascha Rotermund liest die Geschichte mit warmer Stimme und viel Einfühlsamkeit, vor allem in den zahlreichen zwischenmenschlichen Szenen. Aber auch sonst schafft er es, Menschenhafen die nötige Atmosphäre zu verleihen, die vielleicht genau wegen dieser ungewöhnlichen Lesart so speziell und eindringlich ist. Ich habe das jedenfalls so empfunden.

Leise, weiche Melodien begleiten die Handlung, bleiben aber immer zurückhaltend und hinterlassen genau deshalb eine so nachhaltige Wirkung. Denn sie mögen einem nicht gerade ins Ohr springen, aber sie sind da und drücken immer genau die Stimmung der Szenen aus.

Die sechs CD stecken in einem schönen Digipak, dessen Front mir vom ersten Blick an gefallen hat. Der Leuchtturm vor dem düsteren Himmel und in der kargen Gegend strahlt so viel Einsamkeit, aber auch Unheil aus, dass die Phantasie schon beim Angucken die wildesten Geschichten spinnt. Das  passt so ganz prima zu Menschenhafen, das mit so viel Phantasie erdacht wurde.

Fazit:   Phantasievoll, mit zahlreichen schaurigen Ideen und Szenen und unerwarteten Zusammenhängen, teilweise aber auch sperrig, zäh und gut zum Weghören. In Summe war Menschenhafen eine interessante Erfahrung auf dem Mystery-Sektor, die mich aber nicht ganz überzeugen konnte. Vielleicht ist der Mystery-Stil von Autoren aus dem hohen Norden aber auch Gewohnheitssache…ich bin unsicher.

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