Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage (Frank Jöricke / Ingo Naujoks)

Titel:   Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage / Verlag:   Radioropa / Laufzeit:   ca. 6  std, 21 min / 6 (7) CDs / Buch:   Frank Jöricke / gelesen von:   Ingo Naujoks

Inhalt:   Frank Jörickes Roman ist eine launige Zeitreise durch die verschiedenen Dekaden der jüngeren bundesrepublikanischen Geschichte. Seien es die Studentenunruhe, die Ölkrise oder das Aufkommen des Feminismus, Daily Soaps oder die Maueröffnung, alles Anlässe für den Erzähler, mal abgeklärt-kompromisslosem Blick die schrullige Bagage, die sich Verwandtschaft nennt, bei ihrem bunten Treiben zwischen Zeitgeist und Fettnäpfchen zu beobachten. Es entstehen typische Charakterbilder skurriler Normalos, die sich tapfer durchs Reihenhausleben schlagen: Onkel, Tante, die Eltern, die sich mit ihrer späten Scheidung um „viele schöne, getrennte Jahre“ gebracht haben…


In dieser Geschichte führt uns Autor Frank Jöricke durch ganz 36 Jahre bundesrepublikanischer Geschichte, nämlich von 1967 bis zum Jahre 2003.
Dabei widmet er jedem Jahr sein eigenes Kapitel. Die einzelnen Kapitel beginnen immer mit den Worten „Im Jahr als…“ und danach folgt dann ein mehr oder weniger bedeutendes Ereignis des jeweiligen Jahres. Mehr oder weniger bedeutend deswegen, weil der Super-GAU 1986 doch eine ganz andere Liga ist als beispielsweise Boris Becker Wimbledon-Sieg 1985. Auf jeden Falls aber ein Ereignis, das sicher jedem im Gedächtnis geblieben ist. Das habe ich als sehr praktisch empfunden, denn wenn es z.B. geheißen hätte „Im Jahren 1986“, dann hätte ich das so zur Kenntnis genommen, mehr aber auch nicht. Mit diesen Ereignissen hat man dagegen ein richtiges kleines Aha-Erlebnis.
Gleich nach dieser Einleitung, schlägt Jöricke dann aber den Bogen hin zu seiner Familie und schildert, was sich bei ihnen in diesem Jahre zugetragen hat, was für sie von Bedeutung war.
Und dabei bekommt jedes Familienmitglied, Frank Jöricke selbst eingeschlossen, auf sehr direkte, aber humorvolle Art sein Fett weg. Die Komik liegt hier in erster Linie in den jeweiligen Begebenheiten und den Charakteren, zum großen Teil aber auch in der gewitzten, sprachlichen Gewandtheit, in der Frank Jöricke sie schildert.
Da es sich bei den einzelnen Personen um ganz normale Menschen handelt, die sich über die Jahre hinweg tapfer durchs Leben geschlagen haben, dürfte man in ihnen leicht auch eigene Bekannte, Verwandte oder gar sich selbst wiedererkennen. So bleibt die Reise durch so viele Jahre jederzeit greifbar. Ich habe mich jedenfalls ab dem Kapitel „1985 – Boris Becker“ immer wieder bei einem erinnerungsvollen Nicken ertappt.

Ingo Naujoks liest die verrückten Geschichten der skurrilen Bagage und liefert dabei einen sehr guten Job ab. Einerseits liest er so locker weg, dass man meinen möchte, er erzähle einfach so drauflos. Gleichzeitig gelingt es ihm aber auch, den listigen Humor und die Ironie in Frank Jörickes Text einzufangen und eins zu eins an den Hörer „weiterzureichen“.
Mir hat es wieder sehr großen Spaß gemacht, Ingo Naujoks zuzuhören. Er hat eine solch markante Stimme, die sich von vielen anderen Hörbuch-Sprechern so deutlich unterscheidet, dass ich noch jedes Hörbuch mit ihm als erfrischend anders empfunden habe.

Das Hörbuch umfasst sechs CDs plus die obligatorische mp3-CD.
Beim Layout hat man sich an das des Buches gehalten. Leuten, die das Buch gelesen haben, wird die CD-Box so sicher sofort ins Auge fallen.
Generell finde ich das Outfit nicht sonderlich gelungen. So schlicht der Hintergrund ist, so wirr präsentiert sich der Bereich mit dem Titel. Um den Text mit den „hüpfenden“ Buchstaben zu lesen, habe ich schon dreimal hinsehen müssen und die grell bunten Flecken machen einem das auch nicht gerade leichter.
Auf der Rückseite und beim Booklet hat man erfreulicherweise auf dieses bunte Wirrwarr verzichtet und so kann man den Rückentext ebenso gut lesen wie die Kapitelauflistung

Fazit:   Ich war skeptisch diesem Hörbuch gegenüber, einfach weil ich (Jahrgang 1978) das erste Drittel an Jahren gar nicht erlebt habe und dachte, deshalb keinen Zugang dazu zu finden. Zudem bin ich kein Fan geschichtlicher Abhandlungen und auch das habe ich ein wenig von diesem Hörbuch befürchtet. Doch haben sich beide Bedenken innerhalb von Minuten als unsinnig herausgestellt und ich kann nur sagen, dass ich noch nie einen solch unterhaltsamen Streifzug durch über 30 Jahre Deutschland mitgemacht habe.

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