Der Märchenerzähler (Antonia Michaelis / Ulrike C. Tscharre)

Titel: Der Märchenerzähler / Verlag: Igel Records / Spielzeit: ca. 431 min (6CDs) / Buch: Antonia Michaelis / gelesen von: Ulrike C. Tscharre

Inhalt: Geliebter Mörder? Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden? Ein temporeicher Thriller und ein zu Herzen gehende Liebesgeschichte, die nicht mehr los lassen!


So etwas wie bei diesem Hörbuch habe ich noch nie erlebt. Ich hätte bis zur Hälfte ohne Bedenken eine klare Empfehlung ausgesprochen. Eine schön erzählte Liebesgeschichte von einem Mädchen aus gutem Hause und einem Außenseiter mit sozial schwachem Hintergrund, das ist zwar Klischee pur, aber irgendwie packt sie einen manchmal eben doch. Diese zarte, aufkeimende Liebe zwischen Anna und Abel hatte mich im Nu bezaubert. Doch dann kam eine Stelle, die mich wortwörtlich gewaltsam auf den Boden zurückgeholt hat. Ich hatte das Hörbuch zuvor in einem Rutsch gelesen, doch an diesem Punkt habe ich es ausgeschaltet. In diesem Moment war klar, es würde defintitiv keine Empfehlung von mir bekommen. Eine Vergewaltigung ist unentschuldbar! Punkt, aus! Und was ebenso schlimm ist: nicht nur, dass sie hier sehr wohl zu entschuldigen ist, nein, es wird auch gar nicht weiter darauf eingegangen. Ist halt passiert, aber war ja eigentlich gar nicht so schlimm. Man halte sich vor Augen, dass „Der Märchenerzähler“ ein Jugendbuch ist! Eine äußerst merkwürdige und hoch bedenkliche Botschaft, die hier vermittelt wird. Als ich an diesem Punkt auch noch einmal über das zuvor Gehörte nachgedacht habe, musste ich mir dann eingestehen , dass ich mich von dieser Liebesgeschichte doch sehr hatte blenden lassen. Denn es gibt noch zahlreiche weitere Dinge, die man der Geschichte bei aller Gefühlsduselei nicht entschuldigen kann. Drogendealen ist -so arm man auch sein mag- keine Option, Gewalt jedweder Art ebenfalls nicht, Mord schon mal lange nicht, und auch eine noch so miese Kindheit ist weder eine Erklärung, geschweige eine Entschuldigung. Zudem hat mir Annas Verhalten nach der Vergewaltigung auch dafür die Augen geöffnet, dass sie sich schon zuvor die ganze Zeit wie eine verliebte Gans benommen hat. Abel kann sich benehmen wie die sprichwörtliche Axt im Walde und die schulisch so intelligente Anna hat nichts Besseres zu tun als ihm immer und immer und immer wieder hinterherzulaufen und einzuschmeicheln. Da kann man im Grund nur den Kopf schütteln.
Dem in der Geschichte von Abel erzählten Märchen konnte ich seit Anfang her nichts abgewinnen. Für solche Geschichten bin ich einfach nicht zu haben. Es ist natürlich klar, dass dieses Märchen quasi eine Art Spiegelbild der Situation von Anna, Abel und seiner Halbschwester Micha ist, das jedoch tiefer blicken lässt als die vordergründige Story, doch mit Klippenprinzessinnen mit diamantenem Herzen, Jägern und silbernen Seelöwen kann man mich schlicht nicht begeistern. Hätte ich „Der Märchenerzähler“ gelesen, hätte ich diese Passagen sicher überblättert.

Ulrike C. Tscharre habe ich bei diesem Hörbuch zum ersten Mal gehört. Mit ihrer sanften und weichen Stimme trifft sie für die Liebesgeschichte genau den richtigen Ton. Und dafür, selbst die zweifelhafteste Moral noch gut und unauffällig an den Hörer zu bringen damit in einem natürlich auch. Der Vorwurf gilt aber natürlich klar der Geschichte, nicht der Sprecherin. Die hat mir wirklich sehr gut gefallen und ich werde mal schauen, welche Hörbücher sie noch gelesen hat.

Musik spielt in der Geschichte eine zentrale Rolle. Das findet sich auch in der Umsetzung des Hörbuchs wieder. So sind sehr häufig ausgefeilte Melodien zu hören, die die Stimmung und Atmosphäre der jeweiligen Szenen zusätzlich unterstreichen. Auch kleinere Effekte wurden eingearbeitet, so klingt beispielsweise ein Telefongespräch deutlich anders als der Rest der Erzählung.

So märchenhaft wie der Titel, so märchenhaft wirkt auch das Covermotiv mit den Lichtspielereien und den verwaschenen Farben. Mitten darin Abel umgeben von Zweigen mit blutroten Knospen. Das ist ein Motiv, das neugierig macht, und das defintitiv nicht widerspiegelt, mit welch ernsthafte Themen sich die Geschichte neben der Lovestory beschäftigt.

Fazit: Es gibt Dinge, für die gibt es keine Entschuldigung. Dass diese Geschichte es trotzdem tut und außerdem auch noch einige kaum weniger bedenkliche Botschaften vermittelt (obendrein einem vornehmlich jugendlichen Publikum), ist unglaublich. Ich hätte das Hörbuch gerne empfohlen, aber so führt kein Weg dahin.

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