Mind the Gap – Wie ich London packte (oder London mich) [Emmy Abrahamson / Julia Nachtmann)

Titel: Mind the Gap – Wie ich London packte (oder London mich) / Verlag: Hörcompany / Spielzeit: ca. 230 min auf 3 CDs / Buch: Emmy Abrahamson / gelesen von: Julia Nachtmann

mindthegapInhalt: Abitur geschafft – und nun? Nix wie weg aus der heimatlichen Enge! Filippa macht sich auf in die Stadt ihrer Träume: nach London. Dort möchte sie auf die renommierteste Schauspielschule, sich einen »coolen Boyfriend zulegen« und viele Freunde finden. Doch erst mal muss sie sich mit den Tücken des Alltags in einer Großstadt auseinandersetzen: der Zimmerpreis gilt nicht fur den Monat, sondern nur für eine Woche und es ist nur ein Schlafplatz auf einer Luftmatratze. Die Jobsuche hat es in sich und auf der Schauspielschule gibt es nur wenige Plätze für ein Heer von Bewerbern.


Mit „Mind th Gap“ habe ich nach „Wie man eine polnische Mutter überlebt“ die zweite Geschichte von Emmy Abrahamson kennengelernt. Wie das Hörbuch beweist, kennt sie sich in und mit London ebenso aus wie mit den oft absonderlich anmutenden Eigenarten des polnischen Familienlebens.
Ich muss sagen, sie hat mir nicht gerade den sympathischsten Eindruck dieser Stadt vermittelt. Schmuddelige Lokale, verlogene Kerle, schmierige und brutale Vermieter und horrende Lebenshaltungskosten sind nur die wesentlichsten Punkte, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Ich stelle das nicht in Frage, daher bitte nicht falsch verstehen. Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass es so ist, wenn man nicht nur als Tourist dorthin kommt und von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gondelt. Aber Werbung macht das Hörbuch für die Stadt so nicht gerade!
Für Filippas Situation hat mir das so aber gut gefallen. Denn wer erstmals auf eigenen Beinen stehen will, noch dazu in einer fremden Stadt, der bemerkt schnell, dass Erwachsensein durchaus seine Schattenseiten hat. Nur selten fällt einem etwas in den Schoß und fast täglich wartet die nächste Herausforderung. Das machte für mich den Großteil der Spannung aus. Was würde Filippa noch alles erleben? Würde sie sich durchbeißen? Wann würde der Moment kommen, an dem London sie packt? Sie tat mir bei diesem Abenteuer oft wirklich leid und ich habe bei jedem noch so kleinen Lichtblick gehofft, dass für sie nun bessere Zeiten anbrechen würden. Doch der Weg bleibt bis zum Schluss holprig. Die Frage, ob sie an der Schauspielschule angenommen werden würde, war für mich dabei schnell gar nicht mehr die spannendste. Dafür spürt man, wie sie mit der Zeit an dieser Herausforderung wächst. Zwischen dem schüchternen Mädchen zu Beginn der Geschichte und der Filippa am Ende liegen Welten.
Das „Urkomische“, das der Geschichte auf dem rückwärtigen Cover bescheinigt wird, habe ich allerdings vergebens gesucht. Gegen Ende habe ich über zwei, drei Formulierungen geschmunzelt, ansonsten gab die Handlung für mich wenig Erheiterndes her. Ich finde aber auch nicht, dass Filippas Erlebnisse lustig sind. Deshalb war das für mich so in Ordnung.

Als Sprecherin ist Julia Nachtmann zu hören, die mir gut gefallen hat. Es liegt sicher auch an ihr, dass ich die Geschichte nicht urkomisch fand, denn sie liest sie nicht so, dass sie witzig wirkt. Auch das finde ich völlig in Ordnung, denn wie schon gesagt: was Filippa alles erlebt ist von lustig meist meilenweit entfernt. Dafür passt Julia Nachtmanns junge und warme Stimme gut zu Filippa. Sie hat vom ersten Moment an dafür gesorgt, dass ich das schwedische Mädchen mit den großen Träumen mochte. Ein bisschen schüchtern, oft entsetzt, aber bei entsprechender Gelegenheit dann auch wieder hoffnungsvoll und begeisterungsfähig. Eben immer genauso wie es Filippas Leben gerade vorgibt.

Dieses Eierschalengelb scheint das Markenzeichen der Cover von Emmy Abrahamsons (Hör)büchern zu sein. So wie man London hier als Silhouette sieht, so stellt sich wohl fast jeder die Stadt vor. Voller aufregender und berühmter Sehenswürdigkeiten. Filippa wirkt ein wenig verloren, aber neugierig. Das passt gut zu dieser Figur, denn in der Geschichte vermittelt sie ebenfalls diesen Eindruck.

Fazit:  Es ist kein Zuckerschlecken erwachsen zu werden und auf eigenen Beinen zu stehen. Erst recht nicht in einer Stadt wie London und mit solchen Zielen, wie Filippa sie hat. Das bringt diese Geschichte prima rüber und holt so vielleicht manchen Teenie, der in ähnliche Richtung denkt, ein wenig zurück auf den Boden der Tatsachen. Mir hat es gefallen, dass hier nicht blinkend und in allen Farben Werbung für die Stadt gemacht wird. Das hätte ich als unglaubwürdig empfunden, denn so wirkt sie wohl nur auf Touristen. So ist es nahe an der Realität mit allen Stolpersteinen und hoffnungsvollen Momenten, an denen man -in diesem Falle Filippa- mit der Zeit wächst. Eine schöne und ehrliche Geschichte! Lediglich den angekündigten Witz habe ich vergebens gesucht.

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