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Das Meer (Wolfram Fleischhauer)

Teresa verschwindet spurlos im Einsatz auf einem modernen Fischfangschiff auf hoher See. Entsetzt ist nicht nur ihr Geliebter und Ausbilder John Render von der zuständigen EU-Behörde in Brüssel. Genauso am Boden zerstört sind Ragna di Melo und ihre Truppe von radikalen Umweltaktivisten, die eine mörderische Methode entwickelt haben, die skrupellose Ausbeutung der Meere zu beenden.
Als Ragnas Vater, ein schillernder Schweizer Lobbyist, Wind von den Aktivitäten seiner Tochter bekommt, die auch seine eigenen Geschäftsinteressen berühren, muss er handeln. Noch bevor das ganze Ausmaß der Bedrohung bekannt wird, reist er nach Südostasien, wo Ragna sich versteckt halten soll. Er weiß, dass seine Tochter niemals mit ihm sprechen wird. Daher heuert er den jungen Dolmetscher Adrian an, der zu Schulzeiten eine leidenschaftliche Affäre mit Ragna hatte – ohne ihn jedoch in die wahren Gründe einzuweihen.



Bisher kannte ich von Wolfram Fleischhauer nur “Schweigend steht der Wald”. Das hat mir nach kleineren Startschwierigkeiten sehr gut gefallen. Deshalb stand fest, dass ich auch “Das Meer” lesen würde. Außerdem klang die Inhaltsangabe vielversprechend.
Es begann ganz ähnlich wie mit “Schweigend steht der Wald”. So richtig warmgeworden bin ich mit “Das Meer” auf Anhieb nicht. Dafür bekommt man direkt zu viele Figuren vorgesetzt, zu viele Schauplätze und auch gleich Einblicke in ein aktuelles und brisantes Thema mit allen politischen und gesellschaftlichen Ränkespielen, die sich darum drehen. Außerdem tue ich mich immer etwas schwer mit ausländischen Namen und dann holpert der Lesefluss leicht mal.
Trotzdem, das Thema an sich interessierte mich sehr und da ich mich damit bislang nicht so ausführlich befasst hatte, wollte ich dieses Buch als Chance dafür nutzen. Denn eines merkt man schnell: Wolfram Fleischhauer hat sich intensiv damit befasst und bis in kleinste Details recherchiert. Je weiter ich in der Geschichte vorankam, umso mehr erschreckte mich, was hinter dem Thema Überfischung und allem rundum steckt. Und es brachte mich zum Grübeln. Ich lebe vegetarsich, Fisch gibt es nur in allergrößten Ausnahmefällen. doch ich schätze, selbst diese werde ich nach dem Buch noch einmal gründlich überdenken.
Rund um ein also ganz aktuelles und ohnehin schon schockierendes Thema rankt sich der (Umwelt)krimi und ein bisschen auch eine Lovestory. Die Story ist durchaus komplex, man muss bei der Sache sein, wenn man  versuchen möchte, mitzuknobeln und Zusammenhänge herzustellen. Es ist kein Krimi zum einfach nebenbei mal Runterlesen, aber es lohnt sich defintiv, sich damit wirklich zu befassen. Dann wird man mit einer spannenden Geschichte belohnt, die mit immer neuen Erkenntnissen und Wendungen zu punkten versteht.
Mit den Figuren habe ich mich letztlich dann doch noch angefreundet (mit den meisten, den Guten jedenfalls) und so konnte ich ihre Sorgen, Ängste und Nöte doch nachfühlen. Das ist für mich immer ganz wichtig. Wenn ich das nicht kann, hat kaum eine Geschichte keine Chance bei mir. Hier klappte es trotz Startschwierigkeiten doch noch, obwohl ich damit fast nicht mehr gerechnet hatte. Aber auch in dieser Hinsicht hat Wolfram Fleischhauer alles richtig gemacht.

Wie schon geschrieben, der Roman liest sich nicht unbedingt wie geschnitten Brot. Es gibt mitunter lange erzählende Passagen und zumindest bei mir bremst das das Lesetempo ganz schön aus. Doch die Zeit sollte man sich nehmen, auch wenn es ab und zu anstrengend ist. Ich habe recht lange für das Buch gebraucht, weil ich manchmal schon nach zwei oder drei Kapiteln Pause machen musste.

Das Cover gefällt mir sehr gut. Schön düster für einen Krimi. Das bildet einen feinen Kontrast zum blutroten Meer und gerade das hat mich so neugierig auf die Story gemacht. Somit ist auch in dieser Hinsicht alles so wie es sein soll.

Fazit: Der Start mit “Das Meer” war ähnlich mühsam wie der von “Schweigend steht der Wald”. Aber genau wie da hat es sich gelohnt, an der Geschichte dranzubleiben. Dann wird man nämlich mit einem sehr spannenden und interessanten Krimi belohnt, der einem schnell die Augen für ein aktuelles Thema öffnet und zum Nachdenken anregt.

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Titel: Das Meer
Autor: Wolfram Fleischhauer
Seiten: 448
Verlag: Droemer Verlag

John Sinclair – Brandmal (Mark Benecke, Florian Hilleberg)

Ein Fall von spontaner Selbstentzündung im Londoner Hyde Park bringt Geisterjäger John Sinclair auf den Plan. Sofort vermutet er einen Fall vom Vampirismus. Aber warum sollte sich ein Vampir freiwillig dem Sonnenlicht aussetzen?In Berlin bekommen es der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke und sein Team ebenfalls mit einer Serie von Selbstentzündungen zu tun. Seine Nachforschungen ergeben, dass alle Opfer vor Kurzem Urlaub in der Slowakei gemacht haben.Beide beschließen, vor Ort zu recherchieren. Doch schnell stoßen sie auf eine Mauer des Schweigens.


 

Ich höre bekanntlich gerne und oft Hörspiele, doch “John Sinclair” gehört (jedenfalls in der aktuellen Version) nicht dazu. Ab und zu mal eine Folge, aber mehr ist es nicht. Also dachte ich, ich versuche es mal mit einem Sinclair-Roman. Immerhin ein richtiges Buch, statt dieser Heftchen vom Kiosk. Vielleicht würde die Reihe mich in dieser Variante doch noch erwischen?
Womit diese Story bei mir sofort einen Stein im Brett hatte, war die Tatsache, dass Autor Mark Benecke darin selber mitspielt. Als das, was er eben ist: nämlich Kriminalbiologe. Alleine die Idee, sich selbst einzubringen, fand ich schon mal ganz genial. Abgesehen davon, dass ich seinen Job außerdem wirklich interessant und cool finde.
Anfangs fährt die Geschichte zweigleisig. Mal ist man bei Benecke und seinen Leuten in Deutschland mit dabei, dann wieder begleitet man Sinclair und sein Team bei der Arbeit. Sowohl in Deutschland, als auch in England treten vemehrt Fälle von spontanen Selbstentzündungen auf, denen die beiden Teams nachgehen.
Spontane Selbstentzündungen sind etwas, bei dem ich mich zwar immer leicht grusele, die ich aber eben auch ausgesprochen spannend finde. Jedes Mal stelle ich mir vor, so etwas würde es tatsächlich geben. Und ja, irgendwie hat der Gedanken für mich etwas. Was immer das über mich jetzt aussagt.
Entsprechend gebannt habe ich auch hier davon gelesen und damit hatte die Story mich  endgültig für sich gewonnen. Wobei ich die Nachforschungen von Benecke und Co. eine Spur spannender fand. Einfach, weil sie wissenschaftlicher daherkommen. Mit solchem “Geisterhokuspokus”, mit dem Sinclair und Co. es immer zu tun haben, habe ich es weniger.
Schließlich laufen die beiden Handlungsstränge dann aber zusammen. In der Slowakei nämlich, in einem kleinen Dorf dort. Damit bewegt die Handlung sich fortan vor einem Setting, dass so richtig typisch Sinclair ist. So soll es ja auch sein, bei einer Buchreihe unter diesem Titel.
Bald enthüllen die weiteren Nachforschungen, die die beiden Teams fortan gemeinsam anstellen, eine Verbindung zur Blutgräfin Bathory. Von der dürfte wohl jeder schon mal gehört haben, der sich auch nur ein bisschen mit Schauergeschichten befasst hat. Somit ist das zwar kein neues Thema, aber es wird spannend und abwechslunsgreich dargeboten. Besondere Würze steuert dabei diese spezielle Mixtur aus der Welt der Geisterjäger mit all dem Übersinnlichen und der Welt der Wissenschaftler dar, die sich an die ganz realen Dinge, Spuren und Erkenntnisse halten. Ich hätte nicht gedacht, dass beides so gut zusammen funktioniert, doch das tut es auf jeden Fall. So habe ich mich auch vom Anfang bis zum Ende des Buchs bestens unterhalten gefühlt. Gruselig? Nicht wirklich. Typisch Sinclair? Ja. Unterhaltsam? Definitiv.

Insgesamt ist die Lektüre kurzweilig. Der Schreibstil ist angenehm, recht locker und so lässt sich das Buch gut und fix mal eben weglesen. Trotz der an sich stattlichen Seitenzahl. Aber ich finde, das sagt über ein Buch und den Schreibstil immer eine Menge (meist Gutes) aus. Wenn es zwar recht dick , aber trotzdem nie anstrengend zu lesen ist.

Das Cover ist ein Hingucker mit der flammenden Hand vor der schwarzen Hintergrund und entspricht so auch dem Cover der Hörspielumsetzung. Es reiht sich also nahtlos ins Regal eines Sinclair-Fans ein.

Fazit: Mir hat “Brandmal” überraschend gut gefallen, wo ich sonst mit Sinclair-Hörspielen eher weniger anfangen kann. Hier aber hat speziell die Mischung aus Übersinnlichem und Wissenschaftlichen bei mir für Pluspunkte gesorgt, denn die funktioniert einwandfrei. Somit war es letztlich eine ganz unterhaltsame Lektüre, die nicht nur eingefleischten Sinclair-Fans gefallen wird.

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Titel: John Sinclair – Brandmal
Autor: Mark Benecke, Florian Hilleberg
Seiten: 464
Verlag: Lübbe Verlag
ISBN:  978-3404175864
Preis: € 10,00 (Taschenbuch)

Angstmörder (Lorenz Stassen)

Als der notorisch erfolglose Anwalt Nicholas Meller die junge Nina empfängt, die sich bei ihm bewirbt, wird schnell klar: Nina sieht genauso gut aus wie auf dem Bewerbungsfoto, und – sie trägt einen körperlichen Makel. Ihr rechter Arm ist zurückgebildet. Ebenso schnell wird klar: Nina ist eine starke Frau, die kein Mitleid duldet und sich durchs Leben kämpft. Beide ahnen nicht, dass ihre Schicksale schon bald durch dramatische Ereignisse verschmolzen werden. Sie geraten in den Fall um einen unheimlichen Mörder, der seine Opfer mit chirurgischer Präzision einkreist und brutal umbringt. Was niemand weiß: Der Angstmörder hat sein nächstes Opfer schon ausgewählt.


Obwohl die Sache mit dem “Angstmörder” und mir von Anfang an, vom Klappentext her quasi, unter keinem allzu guten Stern stand, wollte ich es doch mit ihm versuchen. Ich lese inzwischen ausschließlich Krimis / Thriller deutscher Autoren und bin so ständig auf der Suche nach neuen guten Büchern aus diesen Genres.
Leider kam es dann aber doch wie befürchtet. Ich habe es nämlich einfach nicht mit Ermittlern jedweder Art, die sich in erster Linie durch Faulheit und Bequemlichkeit auszeichnen. Anwalt Nicholas Meller ist in meinen Augen ein Paradebeispiel dieser Spezies. Und so jemand sollte in einen wirklich spannenden Fall verstrickt werden?
Dann fängt die junge Referendarin Nina bei ihm an und an sich mochte ich Nina auf Anhieb ganz gerne, weil sie auf ihre Art Leben in die Kanzlei bringt. Das war dann aber auch das einzige, was sie für mich charakterlich auszeichnete. Dass einer ihrer Arme degeneriert ist, ist zwar einigermaßen tragisch (einigermaßen, weil sie gut damit klarkommt), aber mit ihrem Charakter hat das für mich weniger etwas zu tun. Insgesamt blieb mir der also eine ganze Spur zu flach gehalten. In Summe ergaben Nicholas und Nina für mich entsprechend nicht unbedingt ein Team, dessen Nachforschungen ich mit Hochspannung gefolgt bin.
Der erste Fall für dieses Duo lässt natürlich nicht lange auf sich warten. Sie bekommen es sofort mit einem Mörder zu tun, der lange schier übermächtig wirkt. Da fragt man sich natürlich schon, ob und wie sich so jemand würde überführen lassen. Somit war endlich zumindest ein Funken Spannung gegeben. Wobei ich mich hier und da gefragt habe, ob ein solcher Täter für so ein schräges Team nicht doch etwas zu dick aufgetragen ist.
Selbstverständlich ist es vor allem Nina zu verdanken, dass sie und Meller dem Mörder dann doch auf die Schliche kommen. Das war auch gut so. Ich hätte es Meller nie abgenommen, dass er plötzlich ein solch helles Kerlchen ist. Nicht nachdem er anfänglich für mich mehr ein ziemlicher Versager war. In Zusammenarbeit mit Nina konnte ich ihn aber ganz gut akzeptieren. Was er dabei leistet, habe ich ihm durchaus abnehmen können. Und so wurde es mit den beiden wenigstens nicht langweilig.
Gestutzt habe ich dann allerdings als der Fall soweit aufgeklärt war, aber immer noch so viele Seiten im Buch übrig waren. Was bitte konnte da jetzt noch kommen? Ein letzter Dreh natürlich, was sonst? Plötzlich sieht vieles dann doch wieder anders aus. Sowas muss man mögen, vor allem in solcher Ausführlichkeit. Mein Fall war es leider wegen genau dieser Ausführlichkeit nicht. Ein kurzes quasi “ätsch, lieber Leser”, okay. Aber nicht über schlapp 48 Seiten.

Der Schreibstil ist leicht und flott, so liest sich das Buch zügig weg. Alleine deshalb habe ich es auch in einem Rutsch gelesen. Nicht, weil mich die Story oder die Charaktere so begeistert hätten, aber weil es nicht anstrengend zu lesen war.

Das Cover gefällt mir durchaus. Ich mag den Kontrast zwischen dem Schwarz und dem Gelb. Das sieht gut aus und ist auffällig, wenn man im Buchladen vor dem Tisch oder Regal steht.

Fazit: Für mich wird es die erste und letzte Begegnung mit Meller und Nina bleiben. Beide Figuren waren nicht nach meinem Geschmack. Was natürlich auch daran liegt, dass sie charakterlich leider eher flach bleiben. Einen wunderbar brutalen und cleveren Killer gibt es zwar, doch irgendwie wirkt das für dieses ungewöhnliche Gespann zu dick aufgetragen um glaubwürdig zu sein. Langweilig war der Thriller zwar nicht, aber umgehauen hat er mich nicht. Schade, aber die Chance war es wert.

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Titel: Angstmörder
Autor: Lorenz Stassen
Seiten: 352
Verlag: Heyne Verlag
ISBN:  978-3453438798
Preis: € 12,99 (Broschiert)

Woman in the window (A.J. Finn)

Anna Fox lebt allein. Ihr schönes großes Haus in New York wirkt leer. Trotzdem verlässt sie nach einem traumatischen Erlebnis ihre vier Wände nicht mehr. Anna verbringt ihre Tage damit, mit Fremden online zu chatten, zu viel zu trinken – und ihre Nachbarn durchs Fenster zu beobachten. Bis eines Tages die Russels ins Haus gegenüber einziehen – Vater, Mutter und Sohn. Bei dem Anblick vermisst Anna mehr denn je ihr früheres Leben, vor allem, als die neue Nachbarin sie besucht. Kurze Zeit später wird sie Zeugin eines brutalen Überfalls. Sie will helfen. Doch sie traut sich nach wie vor nicht, das Haus zu verlassen. Die Panik holt sie ein. Ihr wird schwarz vor Augen. Als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, will ihr niemand glauben. Angeblich ist nichts passiert.

Nun ist der Trend mit den Frauengesichtern auf den Covern einigermaßen vorbei, nun sind die Frauen / Mädchen im Titel irgendwo drin. In Kabine 10, im Zug und hier nun im Fenster. An sich bin ich kein Fan mehr von amerikanischen Krimis / Thrillern, aber hier klang der Klappentext so interessant und nach meinem Geschmack, dass ich eine Ausnahme gemacht habe.
Im Zentrum der Geschichte steht die ehemalige Kinderpsychologin Anna Fox, die sich nach einem traumatischen Erlebnis nicht mehr traut, ihr Haus zu verlassen. Das alleine ist schon eine interessante Vorstellung und ich habe mich eingangs gefragt, wie wohl der Alltag einer solchen Person aussieht. Wie handhabt man Alltägliches wie zB den Einkauf, wenn man nicht rausgeht? Ich habe teilweise sehr gestaunt, wie Anna all das organisiert bekommt, welche Möglichkeiten es gibt. Ihre Zeit verbringt sie damit, alte Filme zu schauen, im Internet zu chatten und leider viel zu viel Alkohol zu trinken. Insbesondere der letzte Punkt hat dafür gesorgt, dass ich mit Anna bis zum Schluss nicht richtig warm geworden bin. Ich mag einfach keine Figuren, die (zu viel) trinken. Traumatisches Erlebnis hin oder her. Anna klingt so oft so intelligent, sie weiß sich auszudrücken und kann durchaus strategisch vorgehen. Wie kann eine solch intelligente Frau sich flaschenweise Wein hinter die Binde kippen?
Dennoch tat sie mir natürlich leid als sie die grausige Entdeckung im nachbarlichen Fenster gemacht hatte und niemand ihr glauben wollte. Einerseits wusste ich zwar, auch dieser Vorfall kann auf das Konto des Alkohols gehen, andererseits habe ich Anna einfach geglaubt. Und ich habe mich darüber geärgert, wie andere Personen ihr begegnen. Beispielsweise ein Polizist, eine Freundin, ihr Mann, der seit dem Ereignis mit der Tochter von Anna getrennt lebt etc. Niemand glaubt ihr und hält ihr stattdessen noch ihr einigermaßen verwahrlostes Leben vor.  Dass Anna sich darüber aufregt, konnte ich gut nachvollziehen.
Entsprechend gespannt und neugierig war ich, ob und wie sie all diesen Leuten beweisen würde, dass sie die Warhheit sagt. Es ist spannend zu verfolgen, was ihr dafür alles einfällt, wie schlau sie aus ihrer isolierten Position heraus versucht, Schlüsse zu ziehen. Und wie sie stellenweise über sich und über ihre Angst davor, das Haus zu verlassen,  hinauswächst.  Mit diesem Ehrgeiz gefiel sie mir gleich noch eine Spur besser und ich habe ihr ehrlich die Daumen gedrückt.
Gleichzeitig habe ich versucht, eigene Schlüsse zu ziehen. Kann man sich so etwas in einer solchen, an sich gepflegten Nachbarschaft vorstellen? Wie geben sich die Personen um Anna herum? Wer könnte mit in der Sache drinstecken? Und wieso eigentlich? Sowas macht mit beim Lesen immer viel Spass.
Das Finale kann man guten Gewissens dramatisch nennen und gleich in zweierlei Hinsicht als echte Überraschung bezeichnen.  Die eine Überraschung fand ich schlichtweg cool. Da schlägt die Story einen Haken vom Thriller zum Psychthriller. Mit der anderen Überraschung hatte ich einfach überhaupt nicht gerechnet.

Mit 541 Seiten ist das Buch ganz schön dick. Doch die Kapitel sind recht kurz, sodass man schnell einen ganzen Schwung davon einfach so wegliest.  Außerdem erzählt Anna ihre Geschichte selber, teilweise sehr locker, dann wieder in Bildern und mit Formulierungen, bei denen man schon mal kurz nachdenken muss und an denen man klar erkennt, welch intelligente Person sie ist. Das ist abwechslungsreich und einfach angenehm zu lesen.

Oben auf dem Bild sieht man sofort, dass der Titelschriftzug quasi durch ein Lamellenrollo schaut, was gut zum Titel passt. Hat man das Buch vor sich liegen, muss man schon genau hinsehen um das zu erkennen. So blau sind die Lamellen da nicht. Das finde ich schade. Aber düster sieht das Cover aus, wie es sich für einen Thriller gehört. Und der leuchtend rote Schriftzug bildet einen tollen Kontrast.

Fazit:  Anna war leider nicht ganz mein Fall, aber es hat immerhin dafür gereicht, dass ich ihre Empörung darüber, dass man ihr nicht glauben will, sehr gut nachvollziehen konnte. Ich habe ihr die Daumen gedrückt, dass sie die Zweifler überzeugen würde und es hat mich beeindruckt, wie Anna sich dabei mausert. Das Finale ist dramatisch und wartet gleich mit zwei echten Überraschungen auf. Und mit eine kleinen Hoffnungsschimmer auch.

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Titel: Woman in the window
Autor: A.J. Finn
Seiten: 541
Verlag: Blanvalet
ISBN:  978-3764506414
Preis: € 15,00 (Broschiert)

Kaiserschmarrndrama (Rita Falk)

Im Wald von Niederkaltenkirchen wird eine nackte Tote gefunden. Sie war erst kurz zuvor beim Simmerl in den ersten Stock gezogen und hat unter dem Namen ›Mona‹ Stripshows im Internet angeboten. Der Eberhofer steht vor pikanten Ermittlungen, denn zum Kreis der Verdächtigen zählen ein paar ihrer Kunden, darunter der Leopold, der Simmerl und der Flötzinger. Harte Zeiten für den Franz, auch privat: Das Doppelhaus vom Leopold und der Susi wächst in dem Maße wie Franz’ Unlust auf das traute Familienglück. Dann: die zweite Tote im Wald. Das gleiche Beuteschema. Ein Serienmörder in Niederkaltenkirchen?

Auf einen neuen Eberhofer freue ich mich immer schon Monate im Voraus. Ich habe die ganze Reihe verschlungen und natürlich musste da auch dieser neue Band her.
Es fällt mir wirklich schwer und ich sage es auch sehr, sehr ungern, aber zum ersten Mal hat mich eine Geschichte mit Eberhofer, seiner Familie und seinen Freunden mehr enttäuscht als begeistert.
Fangen wir bei dem neuen Fall für Eberhofer an. Der ist an sich gar nicht schlecht. In Niederkaltenkirchen scheint ein Serienmörder umzugehen. Innerhalb kürzester Zeit finden sich gleich mehrere gewaltsam getötete junge Frauen. Eine Spur führt geradewegs ins Internet, wo eine von ihnen einen mit höchst pikanten Videos ihr Geld verdient hat. Und obendrein stehen ausgerechnet der Simmerl und der Flötzinger ganz oben auf der Liste der Verdächtigen. Eberhofers besten Freunde lso. Brisanter geht es an sich nicht.
Mein Problem dabei besteht darin, dass ich rückblickend den Eindruck habe, dass Eberhofer zu den Ermittlungen am wenigsten beiträgt. Entweder scheucht er die armen Socken vom LKA durch die Gegend oder sein Kumpel Rudi wird eingespannt. Eberhofer selber habe ich gefühlt am seltensten bei irgendwelchen Nachforschungen erlebt. Das finde ich erstens schade und zweitens von der Figur einfach nur unverschämt. Ständig tönt er herum, welch hohen Posten er bekleidet, aber gerecht wird er dieser Position kaum. Er nutzt sie viel mehr aus.
So kam es dann auch, dass ich gar nicht mal Eberhofers Arbeit spannend fand, sonder mehr die, die zB der Rudi leistet. Auch wenn er sich bei Eberhofer & Co. anbiedert, wehleidig ist und auch mal nervt, aber er versteht seinen (ehemaligen) Job und kriegt darin etwas auf die Reihe.
Zum anderen kam es mir dieses Mal auch so vor als stehe der Fall fast kompeltt hintenan zum Geschehen in Eberhofers Privatleben. Natürlich war ich geschockt und traurig über die Sache mit dem Ludwig, gar keine Frage. Das ist einer der wenigen Punkte, an denen ich Eberhofer absolut verstehen konnte.
Aber was den Hausbau auf dem Grundstück angeht, da konnte ich über ihn immer nur den Kopf schütteln. Dass er seine Macken hat, das weiß man, wenn man die Reihe kennt. Dass er an gewissen Gewohnheiten und Dingen unglaublich hängt, das ist auch bekannt und geht klar. Aber hier ist er dermaßen verbohrt, stur, boshaftund rücksichtslos, das hält man kaum aus. Das war das erste Mal, dass ich ihn überhaupt nicht mehr mochte. Ähnlich ging es mir auch mit der Oma. Zum ersten Mal fand ich sie absolut unmöglich mit ihren Faible für Sonerangebote, Coupons und Rabatte. Und die komplette Familie steht hinterher und applaudiert (bildlich gesprochen). Da für mich die größte Komik immer von Eberhofers Privatleben ausging, gab es dieses Mal auch nicht besonders viel zu lachen.
Ähnliches gilt für Erberhofers Umgang mit einigen Dingen, die seine Arbeit betreffen. Wenn man sich sonst alles andere als übernimmt und sich gerne mal durchschnorrt um zum Erfolg zu kommen und dann stolz die Lorbeeren einheimst, dann ist es sicher nicht angenehm zu sehen, wie Polizeiarbeit eigentlich aussieht. Aber dass er sich gebärdert wie ein bockiges kleines Kind und sich nicht anders zu helfen weiß als mit Rumschnauzerei, das ist schon wirklich sehr arm.

Wie gewohnt ist die Geschichte im dicksten Dialekt geschrieben, was mir nachwievor gefällt. Einige Redewendungen habe ich schon übernommen, weil ich sie so gerne mag. Außerdem liest es sich  wunderbar flüssig und locker, sodass man nur so durch das Buch fliegt. Viele Dialoge tragen ebenfalls dazu bei. Die Kapitel haben genau die richtige Länge. Nicht zu kurz, nicht zu lang. In dieser Hinsicht ist auch dieses Mal wieder alles top in Ordnung.

Das Covermotiv gefällt mir ebenfalls sehr gut. Vor allem wegen dem Ludwig natürlich. Aber der Blick durch das Fenster verrät auch, dass der Hausbau voranschreitet. Und natürlich ist auch eine Pfanne mit Kaiserschmarrn zu sehen. Auf einem typisch bayerisch gemusterten Tischtuch, versteht sich.

Fazit:  “Kaiserschmarrndrama” war für mich die erste Enttäuschung in der Reihe. Der Fall hat so gute Ansätze, steht aber hinter dem Geschehen in Eberhofers Privatleben sehr zurück. Und es sollte auch nicht so sein, dass ich die Arbeit anderer an dem Fall spannender und interessanter finde als Eberhofers Beitrag. Absoluter Knackpunkt ist aber er selber. Ich habe ihn trotz seiner Macken immer gemocht, aber hier ist er in vielerlei Hinsicht einfach nur unterträglich. Kauzig zu sein, ist eine Sache. Ein A**** zu sein, eine ganz andere. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, dann steige ich aus der Reihe aus. Ich hätte nie, nie, niemals gedacht, dass ich das mal sagen würde.

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Titel: Kaiserschmarrndrama
Autor: Rita Falk
Seiten: 301
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423261920
Preis:  € 15,90 (broschiert)

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