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Woman in the window (A.J. Finn)

Anna Fox lebt allein. Ihr schönes großes Haus in New York wirkt leer. Trotzdem verlässt sie nach einem traumatischen Erlebnis ihre vier Wände nicht mehr. Anna verbringt ihre Tage damit, mit Fremden online zu chatten, zu viel zu trinken – und ihre Nachbarn durchs Fenster zu beobachten. Bis eines Tages die Russels ins Haus gegenüber einziehen – Vater, Mutter und Sohn. Bei dem Anblick vermisst Anna mehr denn je ihr früheres Leben, vor allem, als die neue Nachbarin sie besucht. Kurze Zeit später wird sie Zeugin eines brutalen Überfalls. Sie will helfen. Doch sie traut sich nach wie vor nicht, das Haus zu verlassen. Die Panik holt sie ein. Ihr wird schwarz vor Augen. Als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, will ihr niemand glauben. Angeblich ist nichts passiert.

Nun ist der Trend mit den Frauengesichtern auf den Covern einigermaßen vorbei, nun sind die Frauen / Mädchen im Titel irgendwo drin. In Kabine 10, im Zug und hier nun im Fenster. An sich bin ich kein Fan mehr von amerikanischen Krimis / Thrillern, aber hier klang der Klappentext so interessant und nach meinem Geschmack, dass ich eine Ausnahme gemacht habe.
Im Zentrum der Geschichte steht die ehemalige Kinderpsychologin Anna Fox, die sich nach einem traumatischen Erlebnis nicht mehr traut, ihr Haus zu verlassen. Das alleine ist schon eine interessante Vorstellung und ich habe mich eingangs gefragt, wie wohl der Alltag einer solchen Person aussieht. Wie handhabt man Alltägliches wie zB den Einkauf, wenn man nicht rausgeht? Ich habe teilweise sehr gestaunt, wie Anna all das organisiert bekommt, welche Möglichkeiten es gibt. Ihre Zeit verbringt sie damit, alte Filme zu schauen, im Internet zu chatten und leider viel zu viel Alkohol zu trinken. Insbesondere der letzte Punkt hat dafür gesorgt, dass ich mit Anna bis zum Schluss nicht richtig warm geworden bin. Ich mag einfach keine Figuren, die (zu viel) trinken. Traumatisches Erlebnis hin oder her. Anna klingt so oft so intelligent, sie weiß sich auszudrücken und kann durchaus strategisch vorgehen. Wie kann eine solch intelligente Frau sich flaschenweise Wein hinter die Binde kippen?
Dennoch tat sie mir natürlich leid als sie die grausige Entdeckung im nachbarlichen Fenster gemacht hatte und niemand ihr glauben wollte. Einerseits wusste ich zwar, auch dieser Vorfall kann auf das Konto des Alkohols gehen, andererseits habe ich Anna einfach geglaubt. Und ich habe mich darüber geärgert, wie andere Personen ihr begegnen. Beispielsweise ein Polizist, eine Freundin, ihr Mann, der seit dem Ereignis mit der Tochter von Anna getrennt lebt etc. Niemand glaubt ihr und hält ihr stattdessen noch ihr einigermaßen verwahrlostes Leben vor.  Dass Anna sich darüber aufregt, konnte ich gut nachvollziehen.
Entsprechend gespannt und neugierig war ich, ob und wie sie all diesen Leuten beweisen würde, dass sie die Warhheit sagt. Es ist spannend zu verfolgen, was ihr dafür alles einfällt, wie schlau sie aus ihrer isolierten Position heraus versucht, Schlüsse zu ziehen. Und wie sie stellenweise über sich und über ihre Angst davor, das Haus zu verlassen,  hinauswächst.  Mit diesem Ehrgeiz gefiel sie mir gleich noch eine Spur besser und ich habe ihr ehrlich die Daumen gedrückt.
Gleichzeitig habe ich versucht, eigene Schlüsse zu ziehen. Kann man sich so etwas in einer solchen, an sich gepflegten Nachbarschaft vorstellen? Wie geben sich die Personen um Anna herum? Wer könnte mit in der Sache drinstecken? Und wieso eigentlich? Sowas macht mit beim Lesen immer viel Spass.
Das Finale kann man guten Gewissens dramatisch nennen und gleich in zweierlei Hinsicht als echte Überraschung bezeichnen.  Die eine Überraschung fand ich schlichtweg cool. Da schlägt die Story einen Haken vom Thriller zum Psychthriller. Mit der anderen Überraschung hatte ich einfach überhaupt nicht gerechnet.

Mit 541 Seiten ist das Buch ganz schön dick. Doch die Kapitel sind recht kurz, sodass man schnell einen ganzen Schwung davon einfach so wegliest.  Außerdem erzählt Anna ihre Geschichte selber, teilweise sehr locker, dann wieder in Bildern und mit Formulierungen, bei denen man schon mal kurz nachdenken muss und an denen man klar erkennt, welch intelligente Person sie ist. Das ist abwechslungsreich und einfach angenehm zu lesen.

Oben auf dem Bild sieht man sofort, dass der Titelschriftzug quasi durch ein Lamellenrollo schaut, was gut zum Titel passt. Hat man das Buch vor sich liegen, muss man schon genau hinsehen um das zu erkennen. So blau sind die Lamellen da nicht. Das finde ich schade. Aber düster sieht das Cover aus, wie es sich für einen Thriller gehört. Und der leuchtend rote Schriftzug bildet einen tollen Kontrast.

Fazit:  Anna war leider nicht ganz mein Fall, aber es hat immerhin dafür gereicht, dass ich ihre Empörung darüber, dass man ihr nicht glauben will, sehr gut nachvollziehen konnte. Ich habe ihr die Daumen gedrückt, dass sie die Zweifler überzeugen würde und es hat mich beeindruckt, wie Anna sich dabei mausert. Das Finale ist dramatisch und wartet gleich mit zwei echten Überraschungen auf. Und mit eine kleinen Hoffnungsschimmer auch.

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Titel: Woman in the window
Autor: A.J. Finn
Seiten: 541
Verlag: Blanvalet
ISBN:  978-3764506414
Preis: € 15,00 (Broschiert)

Girl on the train (Paula Hawkins)

girltrainJeden Morgen pendelt Rachel mit dem Zug in die Stadt, und jeden Morgen hält der Zug an der gleichen Stelle auf der Strecke an. Rachel blickt in die Gärten der umliegenden Häuser, beobachtet ihre Bewohner. Oft sieht sie ein junges Paar: Jess und Jason nennt Rachel die beiden. Sie führen – wie es scheint – ein perfektes Leben. Ein Leben, wie Rachel es sich wünscht.Eines Tages beobachtet sie etwas Schockierendes. Kurz darauf liest sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau – daneben ein Foto von »Jess«. Rachel meldet ihre Beobachtung der Polizei und verstrickt sich damit unentrinnbar in die folgenden Ereignisse.

Dieses Buch war eine Zufallsentdeckung und ich war sofort skeptisch, weil das Cover nicht verriet, um welches Genre es sich handelt. Dem Klappentext nach könnte es in Richtung Thriller gehen, daher habe ich ihm eine Chance gegeben. Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen.
Ich weiß, das Buch ist neu und gerade vielerorts schwer angesagt und bekommt die tollsten Bewertungen. Dem kann ich mich leider nicht anschließen.
Die Geschichte stand schon deshalb für mich nicht unter einem gutem Stern, weil es schlappe 80 Seiten dauert, ehe es mal interessant wird bzw zum Kern der Handlung vorgedrungen wird. Und diese schlappen 80 Seiten sind gefüllt mit so viel Blabla, dass ich versucht war, ganze Absätze zu überspringen. Erinerungen an Rachels früheres Leben mit durchaus selbstkritische Momenten, dann eine geradezu kindische Besessenheit von zwei eigentlich total Fremden Menschen, und -was mich am meisten störte- immer wieder Sauferei bis hin zum Filmriss. Ich bin kein totaler Alkoholgegner, aber so etwas brauche ich nicht. Mir liegen solch versoffene Hauptpersonen gar nicht, und es hat mich tierisch genervt, dass Rachel wider besseren Wissens immer wieder dazu greift. Wenn sie nüchtern ist, ist sie alles andere als dumm. Sie weiß sogar, dass ein Besuch bei den Anonymen Alkoholikern anstände, sie weiß, dass sie zuviel trinkt, und tut…nichts! Sie versucht es nicht einmal! Nicht mal, als sie erkennt, dass der Alkohol offenbar daran Schuld ist, dass sie angesichts der Ereignisse so in Schwierigkeiten gerät. Man sollte doch meinen, dass so etwas einen erwachsenen Menschen aufrüttelt!  Dass es diesen einen Filmriss für die Handlung braucht, das sehe ich ein. Aber die Handlung braucht es sicher nicht, dass Rachel sich alle drei Seiten Bier, Wein oder Gin Tonic hinter die Binde kippt!
Wenn mir eine Hauptfigur nicht zusagt, dann hat es ein Buch einfach schwer. Da fand ich die übrigen Charaktere weit interessanter und ich habe lange gegrübelt, wie sie in Verbindung stehen könnten. So richtig gemocht habe ich sie aber durchweg auch nicht. Und das brauche ich: ich brauche zumindest eine Figur, die ich gerne treffe. Hier hat mich lediglich die Neugier zu ihnen getrieben.
Und diese Neugier hat mich dann letztlich doch bei der Stange gehalten. Ich wollte wissen, wie das ganze Geschehen zusammenhängt. Da habe ich sogar versucht, ein bisschen mitzuknobeln. Das wäre einfacher gewesen und hätte sicher auch für Spannung gesorgt, wenn nicht auch in diesem Teil so viel Blabla und Suff vorhanden wäre. So zerstreute sich für mich der Fall um Rachels Entdeckung und ihren verhängnisvollen Filmriss immer wieder und hinterließ kein griffiges Bild. Auch zu diesem Zeitpunkt habe ich gemerkt, dass ich immer wieder in Versuchung war, Passagen und Absätze zu überspringen.
Die Auflösung ging für mich in Ordnung. Sie kam überraschend, konnte aber dennoch vom Logischen her überzeugen. Ein feiner Dreh, den man aber auch aus anderen Krimis und Thrillern kennt. Und zum ersten Mal während des Lesens kam auch ein Hauch Spannung bei mir auf, weil man während des Endes an mancher Stelle nicht sicher sagen kann, wer gerade falsch spielt.

Ich habe drei Abende für das Buch gebraucht und mich jeden Abend neu motivieren müssen. Die Kapitel aus Rachels Sicht -und das sind die meisten- lasen sich für mich durch diese Schwafelei mordsmäßig anstrengend. Rachel hat an sich einen prima Erzählstil, flüssig, lebendig und anschaulich. Aber gewisse Dinge schildert sie in meinen Augen viel zu ausführlich. Gewisse Dinge, die dieser Ausführlichkeit nicht bedürfen. Megans und Annas Kapitel dagegen lasen sich für mich erheblich leichter. In erster Linie, weil sie nicht so ausführlich daherkommen.

Das Cover gefällt mir noch immer. Es war wohl auch einer der wesentlichen Gründe, wieso ich dem Buch eine Chance gegeben habe. Mir gefällt die Darstellung des vorbeirasenden Zugs. Das passt gut zum Titel und es ist ein Hingucker.

Fazit:  Die Hauptfigur hier war überhaupt nicht nach meinem Geschmack. Mit ihr wurde ich das ganze Buch hindurch nicht warm. Durch viel -für mich- unnötiges Geschwafel geriet der eigentliche Fall immer wieder in den Hintergrund, wodurch sich kein griffiges Bild ergab und keine Spannung aufkam. Erst ganz zum Ende hin änderte sich das für eine kurze Weile, doch das konnte für mich den Karren auch nicht mehr aus dem Dreck ziehen. Die allgemeine Begeisterung über die Geschichte kann ich leider nicht teilen.

Mord mit Schnucke (Brigitte Kanitz)

mordmitschnuckeDie Kommissarin Hanna Petersen wird nach Hassellöhne strafversetzt, einem Örtchen in der Lüneburger Heide. Doch die Idylle trügt. Als ein Tourist bei einer Jagd ums Leben kommt, ist Hanna davon überzeugt, dass es kein Unfall war. Ihre Ermittlungen gestalten sich jedoch schwierig: Eine Heidschnuckenherde verwischt die Spuren im Wacholder, die Hasellöhner schweigen plötzlich wie ein Grab, und der junge Dorfpolizist Fritz Westermann verwirrt Hanna mit seinem Charme. Nur die alte Luise steht ihr bei. Mit selbstgebrautem Wacholderschnaps, der alle Probleme dieser Welt lösen soll.

Ich denke, ich muss nicht mehr extra erwähnen, wieso dieses Buch quasi nach mir rief 😉
Allerdings hat mich der Anfang zunächst ganz schön überfordert. Man wird nämlich sofort in die Szene mit dem Mord geschubst. Und anschließend geht es direkt zu Kommissarin Hanna Petersen, wo mit so vielen Namen um sich geworfen wird, dass ich schon dachte, ich würde nie durchsteigen.
Freundlicherweise erlebt man daraufhin einen Zeitsprung, der einen fünf Tage zurückführt. Zu Hannas Ankunft in Hasellöhne.
Hannas Begeisterung über ihre Versetzung von Hamburg in die Lüneburger Heide hält sich in engen Grenzen. Das konnte ich nur allzu gut verstehen, daher tat sie mir auch ganz schön leid. Amüsant fand ich ihren Einstand in dem Dörfchen trotzdem.
Und mir hat es genauso gut gefallen, dass sich die Geschichte viel Zeit nimmt. Das heißt, Hanna kommt unter erschwerten Bedingungen in dem Dorf an und lernt dann nach und nach erstmal die Personen kennen, die sie im weiteren Verlauf am meisten beschäftigen werden. Dabei wird sich für jeden Charakter ausreichend Zeit genommen, dass man ihn sich als Leser zu Eigen machen kann. Und speziell Hannas erste Bekanntschaften sind einfach zum Knuddeln: Luise mit ihrem äußerst wirkungsvollen Wacholderschnaps und ihr neuer Kollege Westermann. Den Dorfarzt fand ich auch noch ganz nett, mehr aber nicht!
Erst danach wendet sich die Geschichte dem Verbrechen in Hasellöhne zu, das sich zunächst nur in einem Fall um einen abgebrannten Schafstall zeigt. Da bei kann Hanna bereits einmal glänzen, sodass ich ihr die fähige Kommissarin leicht abgenommen habe. Und den größten Unsympathen des Dorfs lernen sie und der Leser bis dahin auch schon mal kennen. So ist alles Rüstzeug für später vorhanden.
Anschließend hüpft die Story flugs wie ein Heidschnuckenlamm ans Ende des Prologs, und damit zu den Ermittlungen um den Mordfall. Ich fand sie sehr spannend. Vor allem, weil sie nicht so einfach gestrickt daher kommt, wie man es von einem solchen Dorf-Krimi vielleicht erwartet. Ich habe Hanna und Westermann gerne begleitet und mit ihnen Vermutungen angestellt. Das fällt hier angenehm leicht, weil es nicht zig Leute sind, die die Geschichte bevölkern. Da kann man gut nach Verbindungen und Zusammenhängen suchen und versuchen, sich ein Bild zu machen. Und dabei tun sich tatsächlich einige Abgründe auf. Gegend Ende gar im wahrsten Sinne des Wortes!
Außerdem haben mir die Ermittlungen riesig Spass gemacht. Die Hasellöhner sind ein uriges, aber liebenswertes Völkchen, das für manche amüsante Szene gut sind. Hannas und Westermanns Diskussionen sind in der Hinsicht ebenfalls nicht ohne. Da habe ich manches Mal gelacht. Aber es ist eben ein liebenswerter Humor. Es wird nicht über die Dorfbewohner hergezogen und sie werden auch nicht als rückständig dargestellt. Auf ihre urige, gewitzte Art haben sie alle was auf dem Kasten. Und sie sind einfach so nett, dass man sich “bei ihnen” im Nu wohl fühlt. Tat mir Hanna anfangs noch leid, dachte ich schnell, dass sie einfach nur glücklich über ihre Versetzung sein sollte. Was sie dann ja auch ist. Auch wenn in Hasellöhne und der Polizeistation einiges anders läuft als in Hamburg. Dafür spürt man, wie sich allmählich ein ganzes Dorf hinter sie stellt als es darum geht, den Mörder zu entlarven.
Zuletzt sollen noch zwei Dinge gesagt werden:
Erstens: ich liebe Alfred! (ihr müsst selber rausfinden, wer das ist ;))
Zweitens: ich mag Hanna echt gerne, aber was sie sich bei der Entscheidung für diesen Kerl gedacht hat, das will mir nicht in den Kopf. Bei der goldigen Alternative!

Ich habe mit “Gewalt” zwei Abende mit “Mord mit Schnucke” verbracht. Am liebsten hätte ich es in einem Rutsch gelesen, so viel Spass hat es gemacht. Was ein gesunder Schuss Humor in einer Geschichte doch ausmacht. Das liest sich sofort leichter. Die Kapitel sind genau richtig lang und viele vergnügliche Dialoge lockern ebenfalls auf.

Hach, dieses Covermotiv! So tierisch niedlich, so sommerlich bunt, so  heidemäßig flach. Aber mit den Pfeilen und dem Kreuz auf der Schnuckenwolle sieht man auch, dass in dieser Idylle offenbar irgendwas nicht stimmt. Ich war sofort hin und weg.

Fazit:  Ein wunderschöner, spannender Krimi mit einem ordentlichen Schuss Humor und Lokalkolorit aus der Lüneburger Heide! Ich hoffe sehr, es geht nochmal zurück nach Hasellöhne zu Westermann , Alfred , Luise *prost* und den Verbrechern, die doch tatsächlich auch in dieser Idylle ihr Unwesen treiben.


Titel: Mord mit Schnucke
Autor: Brigitte Kanitz
Seiten: 320
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3442382194
Preis: € 8,99

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Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet

flavia01Die junge Flavia de Luce staunt nicht schlecht, als sie im ersten Morgenlicht das Opfer eines Giftmordes in ihrem Gurkenbeet entdeckt! Da jeder ihren Vater, den sanftmütigen Colonel de Luce, für den Mörder zu halten scheint, nimmt die naseweise Flavia persönlich die Ermittlungen auf. Hartnäckig folgt sie jeder noch so abwegigen Spur – bis sie einsehen muss, dass ihr Vater tatsächlich ein dunkles Geheimnis hütet. Und so befürchtet Flavia schließlich, dass sie vielleicht eine zu gute Detektivin ist.

Als ich mir damals die Bücher dieser Reihe zulegte, hatte ich mich wirklich darauf gefreut. Trotzdem haben sie eine Weile Staub angesetzt, aber dann habe ich mich doch voll Vorfreude an den ersten Band gewagt.
Das böse Erwachen kam schnell.
Das begann bereits damit, dass die Reihe anno Schnee spielt. Das geht bei mir per se gar nicht. Hätte ich das gewusst, hätte ich auf Flavias Bekanntschaft verzichtet. Ich lebe heute und in der Zukunft (hoffentlich), aber 1950 ganz sicher nicht. Ich mag unsere heutige, moderne Welt, und so sollen auch die Geschichten sein, die ich lese. Das gab den ersten Minuspunkt. Allerdings einen, der sicher Geschmackssache ist.
Den zweiten verdankt das Buch seiner Hauptperson. Ich habe nichts gegen 11jährige Helden und Heldinnen, aber sie sollten mir sympathisch sein. Und wenn sie das nicht von Anfang an sind, dann sollten sie es im Laufe der Geschichte noch werden. Flavia hat dies nicht geschafft. Das liegt vor allem an ihrer unglaublich naseweisen Art! Sowas kann ich nicht ab! Speziell bei Kindern und Jugendlichen als Hauptperson. Alle anderen sind blind und dumm, selbst die Polizei, aber die Elfjährige ist voll im Bilde. Na klar doch! Genauso klar wie Flavias Wissen in Sachen Chemie. Viel Zeit, viele Bücher, wenig Kindheit hin oder her, aber die Lütte ist ja auf dem Stand eines Professors! Gute bis sehr gute Kenntnisse hätte ich ja noch hingenommen, aber das ist doch zuviel.  Da ist es auch kein Wunder, dass sie total von oben auf ihre Schwestern und sogar den Vater herabschaut. Im Gespräch mit ihm, oder wenn sie ihn beschreibt, könnte man glatt meinen, er sei das Kind in der Familie.
Blieb noch der Fall selber, auf den ich hoffen konnte. Vielleicht würde er das Ruder noch rumreißen. Leider tat er es nicht. Er fängt mit der Leiche ausgerechnet im Gurkenbeet der Familie de Luce zwar ganz amüsant an, aber diese heitere Note verflüchtigt sich zügig. Vermutlich hat sie die Spannung dabei überrannt, die sich Richtung Story schleppte. Denn die kam niemals bei mir an. Dafür hat mich Flavia zu sehr mit ihren Ausführungen gelangweilt. Sei es über historische Hintergründe ihres Dorfes oder Beschreibungen der Landschaft, seien es ihre Ansichten in Sachen Literatur, ihre Einschätzungen ihrer Mitmenschen oder oder oder…ganz ehrlich, darüber macht sich eine Elfjährige doch keine Gedanken! Schon mal lange nicht in solcher Ausführlichkeit. Und nur höchst selten führt das zu nennenswerten Erkenntnissen für den Fall. Es kann ja gut sein, dass man als Chemiker auf jedes noch so kleine Detail achten muss, aber Flavia seziert jeden Gedanken in diesem Maße!
Das hat bei mir dazu geführt, dass ich keinen Fluss in ihren Nachforschungen gesehen habe. Da hat sie einen Hinweis, eine Idee, geht der nach, dann verfranst sie sich wieder in irgendwelchen nebensächlichen Gedanken, wodurch ich bei den Ermittlungen raus war. Aufkeimende Spannung, adé! Da blieb dann nichts weiter übrig als darauf zu warten, dass Flavia einen weiteren Geistesblitz hat und dem dann vielleicht ohne solche Ausschweifungen nachgehen würde. Tat sie aber nicht.
Den Humor habe ich wirklich angestrengt gesucht. Denn wenn ich bei einem Buch auch mal grinsen oder gar lachen kann, rettet das schon ungemein viel. Flavia hat mich mir nicht einmal ein Schmunzeln abgerungen. Wie auch mit ihrer neunmalklugen Art und ihrer Arroganz?

Ich habe mich wortwörtlich durch dieses Buch gequält. Und ich bin sicher, wenn ich die Passagen übersprungen hätte, bei denen ich es gerne getan hätte, ich hätte dem “Krimi” trotzdem folgen können und das Ende trotzdem verstanden. Dabei sind die Kapitel gar nicht mal so lang. Normalerweise kein Problem. Aber Flavias Gedankengänge sind einfach anstrengend zu lesen, ihre Schilderungen langatmig und oft schlichtweg öde. Mehr als zwei Kapitel habe ich das nicht ausgehalten.

Das Cover hatte mich damals sofort begeistert. Ich mag es immer noch, auch wenn ich Flavia nun ganz anders sehe. Sie erinnert mich sehr an Wednesday Addams, und so hatte ich sie mir auch vorgestellt. Hübsch, clever, aber böse und finster, mit einem Hang zum Makabren und einem fiesen Humor. Da hat mich das Cover schwer in die Idee geführt.

Fazit:  “Mord im Gurkenbeet” wird mein letzter Krimi mit Flavia sein. Ich fand ihn einfach sterbenslangweilig. Viel zu viel Drumherum, das von Flavia lang und breit beschrieben wird, sodass ich beim Krimi immer wieder raus war. Hinzu kam noch, dass ich mit neunmalklugen und arroganten Hauptfiguren, speziell wenn es Kinder oder Jugendliche sind, einfach nicht kann. Und der Humor…welcher Humor?


Titel: Flavia de Luce (01) – Mord im Gurkenbeet
Autor: Alan Bradley
Seiten: 400
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3442376247
Preis: € 8,99

Bis in den Tod hinein (Vincent Kliesch)

todhineinEine Serie von grausamen Hinrichtungen erschüttert Berlin. Jede der Leichen ist mit einer Zahl versehen, die keiner ersichtlichen Logik folgt. Hauptkommissar Severin Boesherz und sein Team ermitteln. Offenbar steht jede Zahl für eine Eigenschaft, die dem Täter so sehr an seinen Opfern missfällt, dass er sie dafür tötet: Einer der Toten ist ein Brandstifter, der in seinem eigenen Feuer stirbt, ein anderer ein Lügner, dem die Zunge abgetrennt wird. Als immer mehr Leichen gefunden werden und eine Frau verschwindet, zerrinnt Boesherz die Zeit zwischen den Fingern. Können ihm die Zahlen den Weg zum Mörder weisen?

Bis zu diesem Buch kannte ich kein einziges Buch von Vincent Kliesch. Ein Trailer zu “Bis in den Tod hinein” verleitet mich dann, mir dieses Buch zuzulegen. Ich habe es nicht bereut!
Hier und da hatte ich gehört, dass Hauptkommissar Severin Boesherz nicht jedermanns Geschmack sei. Entsprechend neugierig war ich auf diese Figur. Kurz gesagt: ich gehöre zu denen, die ihn mögen. Ich habe ihn als einen ehrlichen, direkten und sehr cleveren Ermittler kennengelernt. Sehr wohl mit einigen Ecken und Kanten, aber die hat schließlich jeder. Mir ist er dadurch gleich noch eine Spur sympathischer gewesen. Erfreulicherweise ein Kommissar, der seinen Job mag und ihn gerne ausübt. Nichts ist mir mehr zuwider als diese von ihrem Job frustrierten Kommissare, die im Selbstmitleid versumpfen. Schön, dass Boesherz nichts in dieser Richtung anzumerken ist. Gefallen hat mir auch, dass er sehr auf sein Äußeres achtet. Ich hatte immer das Bild eines gepflegten und ordentlichen gekleideten Mannes vor mir.
Boesherz erster Fall war ganz nach meinem Geschmack. Eine Reihe skurriler und grausiger Mordfälle hält ihn und sein Team in Atem, und ich habe gerne darüber gelesen. Da ich finde, dass ein Thriller seine Leser nicht schonen muss, fand ich es gut, wie genau die einzelnen Morde geschildert werden. Da schaudert man schon mal vor Unbehagen. Anfangs hatte ich eine Theorie, was die Zahlen bei den Leichen bedeuten könnten, aber mir war auch klar, dass es so einfach wohl nicht sein würde. War es dann auch nicht und ich habe gespannt verfolgt, wie Boesherz und seine Leute dem Rätsel auf den Grund gehen.
Ich habe erst kürzlich einen Thriller gelesen, in dem man als Leser früh und lange vor den Figuren erfuhr, wer der Täter war. Dadurch hatte das Buch für mich viel an Spannung eingebüßt. Da kann man sich vielleicht vorstellen, dass mir ernste Bedenken kamen als auch bei “Bis in den Tod hinein” der Täter zeitig quasi vor mir stand . Wie Kliesch allerdings beweist, muss eine Geschichte deshalb noch lange nicht an Spannung verlieren. Ganz im Gegenteil! Die Frage, ob und wie die Polizei den Täter erwischen werden, bleibt natürlich ohnehin weiter interessant. Hinzu kommt aber noch, dass die Kapitel mit dem Mörder ihren ganz eigenen Charme haben. Über ihnen liegt eine geradezu bedrohliche Ruhe, die einem unmissverständlich klar macht, dass der Täter jeden Moment ausrasten kann. So habe ich förmlich darauf gelauert, wann es soweit ist und was dann geschehen wird. Zudem hat er mich mit seiner schrecklichen Pedanterie schier wahnsinnig gemacht.
Als der Fall aufgeklärt schien, war zu meinem Erstaunen noch gut Buch übrig und ich fürchtete schon, mich durch 18 Kpitel actionreiches Finale schlagen zu müssen. Welch ein Irrtum! Stattdessen hatte die Story noch gleich zwei Wendungen in petto, die mich kalt erwischt haben. Damit hatte ich ja mal so gar nicht gerechnet! Wirklich klasse. Mir war es bis dahin schon jeden Abend schwer gefallen, das Buch beiseite zu legen, aber auf diesen letzten Kapiteln war es schlicht unmöglich.

Wunderbar kurze Kapitel mit maximal um die vier oder fünf Seiten verleiten zusätzlich dazu, immer weiterzulesen. Und der lebendige und unterhaltsame Schreibstil tut ein Übriges dazu. Da fliegen die Seiten nur so dahin. So mag ich das!

Mir gefällt das Cover. Ich mag solche düsteren Cover bei Thrillern einfach am liebsten. Und der schwarze Vogel…nun ja, mit Tieren tut man mir immer einen Gefallen. Ein Hingucker im Ladenregal war es für mich trotzdem nicht unbedingt. Da habe ich schon etwas gründlicher schauen müssen bis ich es entdeckt hatte.

Fazit:  Ich hoffe, die Reihe um Severin Boesherz wird fortgesetzt. Sein erster Fall ist sehr spannend. Er schickt einen unheimlichen Killer mit einer Vorliebe für besonders grausame Morde ins Rennen, die detailverliebt geschildert werden. Da lacht das Herz des Thriller-Fans. Und wenn man als Leser glaubt, gemeinsam mit den Ermittlern das Schlimmste überstanden zu haben, warten noch zwei Wendungen auf einen, die es in sich haben. Außerdem mag ich den cleveren und gepflegten Hauptkommissar.

Diese Rezension entstand im Rahmen des Amazon Vine Produkttesterprogrammes!


Titel: Bis in den Tod hinein
Autor: Vincent Kliesch
Seiten: 400
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3442377985
Preis: € 9,99

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