DDR

Möwenfraß (Klara Holm)

moewenfrassVor dem Tod sind alle gleich. So hat sich Luka Kroczek seinen ersten Arbeitstag als Leiter der Kripo Bergen nicht vorgestellt: Er kommt viel zu spät, seine kleine Tochter Tilda muss mangels Kindergartenplatz mit ins Büro, die neue Kollegin Conny Böhme empfängt ihn alles andere als herzlich. Und dann muss Luka, der sich nur seiner Lebensgefährtin zuliebe von Düsseldorf nach Rügen beworben hat, auch gleich zu seinem ersten Einsatz. In einem alten Fischerhaus wurde eine Leiche gefunden. Wer hat die Frau derart übel zugerichtet? Hat das Verbrechen mit ihrem Mann zu tun, einem allseits unbeliebten Immobilienspekulanten und Wendegewinner? Luka macht sich an die Ermittlungen. Und erkennt schnell: Auf Rügen wird nichts so schnell vergeben und vergessen.

Bei diesem Krimi machte mich der Titel neugierig. Außerdem war ich in Krimis schon oft an der Nordsee zu Gast, aber kaum mal an der Ostsee. Das sollte sich nun ändern.
Auf den Mord muss man nicht lange warten, der geschieht gleich im ersten Kapitel, sodass man den Ermittlern schon mal ein Stück weit voraus ist. So erfährt man immerhin, dass das Opfer seinen Mörder kannte.
Kriminalkommissar Luka Kroczek ist seiner Lebensgefährtin zuliebe mit nach Rügen gezogen. Sein Dienstantritt bei der Kripo dort verläuft alles andere als glücklich. Manche neiden ihm den Posten, andere halten ihn schlichtweg für einen arroganten “Wessi”. Prompt lässt man ihn auflaufen. Mir hat sehr gut gefallen, wie Luka damit umgeht. Zwar spielt er gelegentlich mit dem Gedanken, wieder nach Düsseldorf zurückzukehren, aber wirklich vor hat er es nicht. Das entspricht nicht seinem Wesen, das ich ausgesprochen sympathisch fand. Ich finde es nur berechtigt, wenn ein Chef -wenn es nötig ist- genau das auch mal klar und deutlich herauskehrt und seine Ideen durchsetzt. Dafür ist Luka nun mal Vorgesetzter. Und schnell wird deutlich, dass er dennoch kein Unmensch ist und durchaus ein Auge auf das Privatleben seiner Mitarbeiter hat. Wenn die Ermittlungen flüssig laufen, man gut zusammenarbeitet und sich an seine Anweisungen hält, dann ist er absolut fair.
Genauso gerne mochte ich Lukas Kollegin Conny mit ihrer überaus direkten Art, dem cleveren Köpfchen, ihrer Abneigung allem “Weiberkram” gegenüber und den beiden Töchtern, die sie ganz schön fordern. Für mich war sie das ideale Gegenstück zu dem aufgeräumten und vernünftigen Luka. Ich habe oft über ihre Sprüche und die Dialoge zwischen den beiden schmunzeln müssen. Außerdem ist sie gewissermaßen Lukas Sprachrohr zu den Einheimischen, die dem Düsseldorfer meist etwas verhalten begegnen. So ganz ist der Ost-West-Gedanke offenbar doch noch nicht aus den Köpfen verschwunden, das merkt man hier und da ganz deutlich. Ich denke, dass das auch tatsächlich noch so ist. Zum Glück wird genau darauf nicht allzu intensiv eingegangen. Bei einem Crashkurs in Sachen DDR-Geschichte hätte ich “Möwenfraß” im Nu zugeklappt und auf Nimmerwiedersehen beiseite gelegt.
Die Ermittlungen um den Mord an Peggy Lenz fand ich sehr spannend. Vor allem, weil es zwar eine ganze Reihe Verdächtiger gibt, es aber nicht so viele sind, dass man den Überblick verliert. Das geht bei mir leider sehr schnell, wenn Charaktere nichts wirklich Markantes an sich haben. Hier hatten alle Verdächtigen markante Eigenschaften oder Wesenszüge. So konnte ich mir jeden gut merken und leicht miträtseln, wer als Mörder infrage kommen könnte. Dummerweise hat jeder mindestens ein gutes Motiv, da muss man also genauer hinschauen und das hat mir richtig Spass gemacht. Ein weitere Grund dafür, dass niemals Langeweile aufkommt ist, dass in wirklich jedem Kapitel etwas passiert, was einen bei Laune hält. Die meisten Kapitel enden mit einem hundsgemeinen Cliffhanger, der einen zum Weiterlesen verleitet. Und natürlich erhält man mit jedem Vorfall ein neues Puzzleteilchen im Mordfall.
Ich war bereits mal auf Rügen, doch das ist schon sehr lange her. Daran erinnere ich mich gar nicht mehr so richtig. Nach “Möwenfraß” möchte ich gerne mal wieder dorthin und ein paar bestimmte Ecken besuchen. Zwar ist Rügen nicht mein Traumziel überhaupt, aber ich finde es immer schön, wenn mir ein Buch Lust auf eine Gegend macht.

Besagte Cliffhanger an den Kapitelenden haben auch mich dazu gebracht, das Buch an nur zwei Abenden auszulesen. Ich wollte immer wissen, wie es weitergeht und weiterkniffeln. Die Kapitel sind weder zu kurz, noch zu lang. So kommt man mit jedem ein gutes Stück voran in der Geschichte.

Das Cover zeigt die Seebrücke Sellin, eines der Wahrzeichen vom Rügen. Mir gefällt speziell der Stil, dieses Negativbild, oder wie man das fachmännisch nennt. Das leuchtet, vor allem mit dem Gelb als Kontrast, und ist ein Hingucker, der auf das Buch aufmerksam macht.

Fazit:  “Möwenfraß” hat mir sehr gut gefallen! Ein sehr spannender Krimi, bei dem man ganz toll mitknobeln kann. Luka Kroczek ist ein ausgesprochen sympathischer Ermittler. Und das Original Conny an seiner Seite sorgt für Würze und manchen Lacher. Die beiden sind ein klasse Team. Ich würde gerne mal wieder einen Krimi mit ihnen lesen.


Titel:  Möwenfraß – Ein Ostsee-Krimi
Autor:  Klara Holm
Seiten:  314
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3499266942
Preis:  € 9,99 (TB)

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Die Gesichtslosen (Stephanie Fey)

Wenn Tote nicht mehr zu erkennen sind, wenn ihr Mörder sie entstellt hat oder nur noch Skelettteile übrig sind, wird Carina Kyreleis gerufen. Die junge Rechtsmedizinerin versteht es wie kaum eine Zweite, den Toten Glanz einzuhauchen und ihnen ihre Gesichter zurückzugeben. Nachdem sie zwei Jahre als Knochen- und Mumienexpertin in Mexiko-Stadt gearbeitet hat, kehrt sie nach Deutschland zurück, um am Münchner Institut für Rechtsmedizin einen Neuanfang zu wagen. Kaum angekommen, steht sie vor ihrem ersten Fall. Ein Killer, der seinen Opfern die Gesichtshaut abzieht, um für immer ihr Antlitz zu bewahren.

Auf dieses Buch bin ich durch viele positive Rezensionen und Empfehlungen aufmerksam geworden. Ich mag Thriller, also zog es bald in mein Regal ein. Nach dem Lesen jetzt kann ich die so positive Resonanz allerdings nicht ganz nachvollziehen.
Aber der Reihe nach und mit dem angefangen, was mir an “Die Gesichtslosen” gefallen hat. Beispielsweise, dass die Geschichte aus zwei Blickwinkeln erzählt wird. Im einen begleitet man Carina in ihrem Leben, beim Neustart in der Münchner Gerichtsmedizin und bei ihren Nachforschungen zu dem Fall, an dem sie gerade arbeitet. Dabei hat sie es mit einem Mörder zu tun, der seinen Opfern die Gesichtshaut abzieht. Somit kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Fall eine gewisse Härte aufweist. Da krümmt man sich bei mancher Schilderung mindestens innerlich oder verzieht angeekelt das Gesicht. So etwas steht einem Thriller, so etwas erwarte ich sogar von einer Geschichte dieses Genres. Da darf es gerne zur Sache gehen. Ich hätte hier allerdings auch gerne mehr von Carinas eigentlicher Arbeit gehört. Wie ich finde, lässt der Klappentext auch genau darauf schließen. Dass man quasi einer Gerichtsmedizinerin über die Schulter schaut. Carina hält sich jedoch -im Verhältnis- nur sehr selten im Sektionssaal auf. Und so interessant es ist zu erfahren, mit welchen Mitteln und wie sie die Gesichter von Toten originalgetrau nachbildet, das ist nicht das, was ich mir unter Gerichtsmedizin vorstelle bzw nach dem Klappentext erwartet hatte.
Handlungsstrang Nummer 2 begleitet Rosa, die angeblich tote Schwester eine Frau, die plötzlich bei Carina auftaucht und behauptet, Rosa quicklebendig gesehen zu haben. Rosa arbeitete früher als Sekretärin des bayerischen Innenministers. Zu dieser Zeit ereignete sich das Herrhausen-Attentat, in das höchstvermutlich auch die RAF verwickelt war. Man ahnt es bereits: dieser zweite Handlungsstrang kommt um einiges komplexer daher. Und politischer. Das hatte prompt zur Folge, dass ich mich erstmal im Internet schlau machen musste, was es mit diesem Attentat auf sich hatte. Man kann mich gerne ungebildet nennen, aber bis dato hatte ich außer dem Namen nichts darüber gehört und ich würde lügen, wenn es behaupten würde, dass es mich interessiert hätte. Deshalb fielen mir Rosas Passagen auch schwer zu lesen und ich hätte gerne hier und da etwas übersprungen. Aber das macht man halt nicht. Politisch und geschichtlich interessiertere Leser werden daran aber wohl ihre Freude haben.
Natürlich laufen diese beiden Handlungsstränge nach und nach zusammen. Viel Überraschendes kommt dabei allerdings nicht ans Licht. Als Leser kann man realtiv bald eigene Vermutungen anstellen und Schlüsse ziehen und sich am Ende fröhlich die Hände reiben, weil man richtig gelegen hat.
So richtige Spannung kam somit für mich eigentlich erst auf als klar war, wer der Killer ist und es daran ging, ihn dingfest zu machen. Das ist nur leider ziemlich zum Ende des Buches und damit ganz schön spät für einen Krimi oder Thriller…
Carina selber hat mir gut gefallen, mit ihr bin ich sehr schnell warm geworden, obwohl ich sonst ja nicht der Fan von weiblichen Ermittlern bin. Das lag allerdings daran, dass man auch eine Menge aus Carinas Privatleben erfährt und da geht es mitunter ziemlich turbulent, ja dann und wann sogar ganz witzig zu. Carina ist ein cleverer Chaot und solchen Leute mag ich einfach. Deshalb finde ich auch nicht, dass Stephanie Fey diesem Teil von Carinas Leben zu viel Aufmerksamkeit geschenkt hat. Auch so etwas macht den Unterhaltungswert einer Geschichte aus. Und genau das erwarte ich in erster Linie von einem Buch: dass es mich unterhält.

Wie erwähnt habe ich mich bei den Passagen um Rosa mit dem Lesen schwer getan. Hätte ich das Buch nicht als einzigen Zeitvertreib bei einer langen Wartezeit gehabt, hätte ich es siche häufiger beiseite gelegt und Pause gemacht. Diese Schwierigkeiten hatten aber rein inhaltliche Gründe. Sprachlich liest sich der Roman wirklich gut und leicht.

Das Cover hat mir sofort gefallen, auch wenn es von der Story so überhaupt gar nichts verrät. Aber das Schwarz-Weiß fällt im sonst hauptsächlich dunkel beherrschten Thriller-Regal gut auf.

Fazit:  Mir hat “Die Gesichtslosen” nicht so gefallen wie ich es erwartet hatte. Das lag einerseits an diesem Handlungsteil um Rosa, der mir zu politisch war und der -für mein Empfinden- den Part um den Fall des Killers ziemlich in den Hintergrund drängt. Mir hätte es besser gefallen, man hätte Carina alleine auf diesen Fall angesetzt und ihn in den Mittelpunkt gestellt. Noch etwas mehr gerichtsmedizinische Ermittlungen und ich wäre zufrieden gewesen. Schlecht ist “Die Gesichtslosen” aber nicht. Es hat für mich nur nicht das gehalten , was mir der Klappentext versprochen hat.


Titel: Die Gesichtslosen
Autor: Stephanie Fey
Seiten: 368
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 978-3651000261
Preis: € 8,99 (TB)

Weihnachtskrimi – Adventskalender – Krimi 05

05 – Fröhliche Weihnacht überall (Gisa Klönne)

Von diesem Krimi ist mir leider schon kurz nach dem Lesen nicht allzu viel im Gedächtnis geblieben. Wieso? Er bringt ein paar Eigenschaften mit, die mir nicht liegen. Zum Einen spielt die eigentliche Geschichte noch zu Zeiten der DDR und eben auch genau dort. Das ist mir zeitlich zu weit zurück und die Schilderung der spartanischen Lebensweise dort konnte mich nun wirklich nicht fesseln oder sonstwie begeistern. Zum Anderen fehlt mir auch hier das, was ich gemeinhin als “Krimi” bezeichne. Das Ende betrachte ich nicht als Mord, sondern schlicht als “dumm gelaufen” und “nicht besser verdient”. Und ich glaube für diese Einschätzung muss man gar nicht besonders kaltschnäuzig sein, die ergibt sich einfach durch das Grauen, das die Hauptperson durchlebt. Dafür hat der letzte Abschnitt noch mal Punkte eingefahren, weil es dort sogar ein wenig gruselig wird…

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