Emons Verlag

Mordsmöwen (Sina Beerwald)

mordsmöwenMöwerich Ahoi, Späher einer kriminellen Möwenbande, schlägt Alarm: Crepes-Budenbesitzer Knut ist verschwunden. Entführt, ermordet, ertrunken? Wovon sollen sich die Möwen jetzt ernähren, wenn sie nicht mehr täglich ihre Crepes-Ration von den Sylter Touristen erbeuten können? Auf der Suche nach Knut gerät die Möwenbande in aberwitzige Verwicklungen und turbulente Situationen – und kommt einem makabren Mord auf die Spur, der ganz Sylt erschüttert.

Es ist wohl offensichtlich, weshalb ich von diesem Krimi unmöglich die Finger lassen konnte. Ein Tierkrimi -dieses Mal halt mit Möwen- und ein Klappentext, der viel Spass verspricht.
Das Besonder hier ist, dass die Geschichte aus der Perspektive der Möwe Ahoi erzählt wird. Es wird nicht von außen auf die Möwengruppe geschaut und beschrieben, was sie bzw die einzelnen Möwen tun, sondern man sieht praktisch durch Ahois Augen und denkt gewissermaßen auch wie eine Möwe.
Ich bewundere es immer sehr, wenn Autoren es schaffen, sich so auf die tierische Perspektive einzulassen. Das stelle ich mir schon ganz schön schwierig vor. Aber auch interessant. Für den Leser ist es auf jeden Fall interessant. Und oft zum Totlachen komisch. Es gibt so viele Situationen, die man als Mensch sofort klar erfasst, die für die Möwen aber zunächst ein Rätsel sind, das sie nur mit ihrer Möwenlogik lösen können. Wie auch sonst?
Das macht aber nicht nur Spass, sondern erschwert dem detektivischen Federvieh auch die Ermittlungen in ihrem Krimi. Doch natürlich lassen sie sich nicht unterkriegen und stürzen sich mit Feuereifer und einer Menge recht federsträubender Ideen in die Nachforschungen.
Ich bin ja so jemand, der bei Krimis gerne mitknobelt. Das war hier eine ganz besondere Herausforderung, weil man ja aus der Möwensichtweise in die Sichtweise eines Menschen quasi übersetzen muss. Da hilft es auch nicht, wenn man ein krimierprobter Leser ist. Das sorgt an sich schon für viel Spannung, aber der Fall für Ahoi und seine Kollegen ist auch sonst nicht gerade einfach gestrickt. Man mag kaum glauben, welches Gesindel sich auf der beliebten Urlaubsinsel herumtreibt und welche menschlichen Abgründe sich selbst dort auftun. Man muss schon bei der Sache sein, die Personen auf der Reihe haben, die nach und nach auf der Bildfläche erscheinen, und beim Rätseln selbst das Schlimmsze in Betracht ziehen. Mich konnte die Auflösung jedenfalls noch mal gut überraschen.
Ganz toll fand ich es, dass ich bei diesem Krimi so oft lachen musste. Nicht nur wegen der Perspektive der Möwen auf Sylt und seine Menschen, sondern auch wegen der bunten Möwentruppe um Ahoi herum. Jede Möwe seines kleinen Schwarms ist etwas ganz Besonderes und hat in irgendeiner Weise einen liebenswerten, kleinen Knacks weg. Sei es Baron Silver de Luft, seines Zeichens Scheff, mit dem Thunfischdosenhelm, Alki (den Namen muss man wohl nicht weiter erklären) oder auch Suzette, Ahois Schwarm, mit der Tendenz zum Luxusleben. Ahoi selber ist aber mein kleiner Liebling: mutig, aber leider nicht wirklich zum Helden geboren, unglücklich verliebt, aber dennoch auf Freiersfüßen unterwegs, und in seinem Enthusiasmus hinsichtlich des Falls oft tollpatschig. Mein Lieblingssatz von ihm: “Der Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen beträgt einen Ahoi.” Ich hätte ihn dauernd knuddeln können!
Ich war noch nie auf Sylt, aber “Mordsmöwen” hat mir Lust darauf gemacht, mal auf Ahois Spuren zu wandeln. Er beschreibt “seine” Insel schon sehr einladend und einige Orte würde ich wirklich gerne mal sehen. Erfahrene Sylt-Reisende, die diesen Krimi lesen, werden ihre Lieblingsinsel danach vielleicht mit etwas anderen Augen sehen.

Dank Ahois gewitzter Erzählweise liest sich der Krimi herrlich leicht. Da fliegen die Seiten nur so dahin. Wobei mal wieder bewiesen wäre, dass Spass und Vergnügen einem echten Krimi keineswegs im Wege stehen. Ich habe “Mordsmöwen” als eBook gelesen und da sind die Kapitel schon ganz schön lang. Ich schätze, dass sie beim Taschenbuch kürzer wirken, weil da mehr auf eine Seite passt. Sicher weiß ich es aber nicht. Muss ich mal vergleichen bei Gelegenheit.

So ein schönes Cover mit der Piratenflagge und der Möwe vor dem gewittergrauen Himmel! Da wird sofort klar, dass Möwen eine wichtige Rolle spielen. Und die Flagge lässt bereits ahnen, dass Kriminelles auf der Insel lauert.

Fazit:   Mir hat “Mordsmöwen” ein paar Abende kriminell-amüsantes Lesevergnügen beschert. Meine Hochachtung davor, wie gut sich Sina Beerwald bei ihrem Buch in die Perspektive der Möwen versetzt. Das stelle ich mir schwierig vor. Ich fand die Ermittlungen mit Ahoi und Co. spannend, weil man als Mensch oft nochmal zusätzlich um die Ecke denken muss, aber auch, weil der Fall an sich unerwartet komplex gestrickt ist. Und ich habe ja so gelacht! Danke für diesen Spass!


Titel: Mordsmöwen
Autor: Sina Beerwald
Seiten:  208
Verlag: Emons Verlag
ISBN: 978-3954511358
Preis:  € 9,90 (TB)

Ernten und sterben – Landkrimi (Peter M. Hetzel)

erntenundsterbenWer Radieschen und Möhren von unten sieht, ist zweifellos mausetot. Das muss sich Landärztin Albertine von Krakow nicht erklären lassen. Warum aber mussten die beiden Männer ihr Leben ausgerechnet in den sorgsam gepflegten Gemüsebeeten aushauchen? Während die Polizei im Dunkeln tappt, gelangen Albertine und ihr Nachbar Hubertus zu der Überzeugung, dass Öko-Aktivisten hinter den Taten stecken. Doch als zwei weitere Tote gefunden werden, muss Albertine erkennen, dass sie auf einer tödlich falschen Fährte sind.

Bei solch einem schönen und witzige Cover kann ich einfach nicht widerstehen, und wieso nicht mal ein Landkrimi? Allerdings kam ich bereits auf der ersten Seite ein wenig in’s Trudeln. Albertine, Hubertus und Clementine, die drei musste ich erstmal auf die Reihe kriegen. Wer sind sie und wie stehen sie zueinander? Ich kann nicht gut damit, wenn mir Charaktere einfach so vorgesetzt werden und ich sofort in einem Dialog drin bin, der kaum Auskünfte über die Personen gibt.
Es dauerte aber nicht lange, dann hatte ich raus, in welcher Beziehung die drei zueinander stehen. So richtig kennengelernt habe ich sie  als sie im Gemüsebeet die ersten Leichen finden. In solch einer extremen Situation, die die drei mit bemerkenswerter Coolness meistern, wird natürlich der Charakter einer Person besonders deutlich. Ich mochte die leicht eingebildete Albertine mit ihrem oft bösen Sinn für Humor genauso gerne wie die resolute Köchin Clementine und den kauzigen Nachbarn Hubertus. Eine illustre Truppe, die viel Spass versprach.
Es ist dann auch der Spass, der bei diesem Landkrimi im Vordergrund steht. Natürlich, es sind Morde geschehen. Das sorgt für Unruhe in dem kleinen Dorf, und bald schon sind auch andere Bewohner betroffen. Das ruft die Polizei auf den Plan, die sich allerdings nicht gerade mit Ruhm bekleckert, sodass Albertine, Hubertus, Clementine und der Dorf-Paparazzi Egon-Erwin es selbst in die Hand nehmen, den Mörder zu fassen. Das klingt so zwar richtig krimimäßig, aber die Ernsthaftigkeit normaler Krimis darf man trotzdem nicht erwarten. Das sei nochmal erwähnt, obwohl ich finde, dass man das dem Cover sofort ansieht.
Der ernsthafte Krimi wird durch mehrere Faktoren spaßig sabotiert. Da wären zunächst die durchweg schrägen und kauzigen Charaktere, über die ich wirklich häufig lachen musste. Sie sind aber nicht nur witzig, sondern lassen auch durchblicken, welch ein Filz in dem Dorf herrscht. Das kann ich mir in solch einem Kaff gut vorstellen.
Gelacht habe ich auch über Clementines, Albertines, Hubertus’ und Egon-Erwins Ermittlungsarbeit. Die drei sind nun mal keine Detektive, geschweige denn bei der Polizei. Entsprechend chaotisch verlaufen oft ihre Nachforschungen, bei denen sie obendrein noch der Polizei in’s Gehege kommen. Die widerum ist ebenfalls so eine eigene Sache für sich. Engagiert ist anders, im beruflichen Sinne zumindest. Dagegen sind die Ermittler sehr engagiert darin, einander das Leben schwer zu machen.
Man merkt es sicher schon, in “Ernten und sterben” ist nichts und niemand so, wie man es aus Krimis sonst kennt. In vielerlei Hinsicht wird überspitzt und der Blick auf das Leben und die Menschen in dem Dorf ist oft ganz schön bissig. Glücklicherweise ohne dabei irgendwie albern oder platt zu wirken. So macht es Spass zu verfolgen, wie die Mörderjagd sich entwickelt.
Auf die Gefahr hin zu spoilern muss ich aber sagen, dass ich mir die Auflösung anders gewünscht hätte. Ich mag es einfach lieber, wenn ich beim Lesen knobeln kann, wer der Täter ist und wieso er mordet. Entsprechend aufmerksam hatte ich gelesen, nur um am Schluss festzustellen, dass es keiner der Dorfbewohner ist, die man bisher kennengelernt hat. Umsonst geknobelt…

Ich fand das Buch so lustig, dass ich es an zwei Abenden ausgelesen hatte. Es liest sich einfach viel leichter, wenn man dabei lachen oder zumindest grinsen kann. Da die Kapitel recht lang sind, kommt man mit jedem Kapitel ein gutes Stück im Buch und der Geschichte voran. Zahlreiche amüsante Dialoge lockern zusätzlich auf.

Das Cover hat mir sofort gefallen. Ich finde einfach dieses Radieschen total witzig. Vor allem ist es schön doppeldeutig, eben weil Tote sich ja im sprichwörtlichen Sinne die Radieschen von unten anschauen. Andererseits ist es halt ein Gemüse, das gerne in Gärten angepflanzt wird. Nicht nur auf dem Land. Gegrinst habe ich auch über die Deckelinnenseiten mit dem wunderschön hässlichen Tapetenmuster. Ja, hier wird manches Klischee über das Leben auf dem Land ordentlich breitgetreten.

Fazit: Ich werde sicher noch weitere Landkrimis lesen. Mir hat “Ernten und sterben” riesig viel Spass gemacht mit den kauzig-schrägen Charakteren, der turbulenten “Ermittlungsarbeit” und dem Einblick in’s Dorfleben. Und auch wenn es kein ernsthafter Krimi ist, habe ich doch gespannt verfolgt, wie Albertine, Clementine, Hubertus und Egon-Erwin dem Täter auf die Spur kommen.


Titel: Ernten und sterben
Autor: Peter M. Hetzel
Seiten: 221
Verlag: cbt
ISBN: 978-3954510795
Preis: € 11,90

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