Goldmann Verlag

Woman in the window (A.J. Finn)

Anna Fox lebt allein. Ihr schönes großes Haus in New York wirkt leer. Trotzdem verlässt sie nach einem traumatischen Erlebnis ihre vier Wände nicht mehr. Anna verbringt ihre Tage damit, mit Fremden online zu chatten, zu viel zu trinken – und ihre Nachbarn durchs Fenster zu beobachten. Bis eines Tages die Russels ins Haus gegenüber einziehen – Vater, Mutter und Sohn. Bei dem Anblick vermisst Anna mehr denn je ihr früheres Leben, vor allem, als die neue Nachbarin sie besucht. Kurze Zeit später wird sie Zeugin eines brutalen Überfalls. Sie will helfen. Doch sie traut sich nach wie vor nicht, das Haus zu verlassen. Die Panik holt sie ein. Ihr wird schwarz vor Augen. Als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, will ihr niemand glauben. Angeblich ist nichts passiert.

Nun ist der Trend mit den Frauengesichtern auf den Covern einigermaßen vorbei, nun sind die Frauen / Mädchen im Titel irgendwo drin. In Kabine 10, im Zug und hier nun im Fenster. An sich bin ich kein Fan mehr von amerikanischen Krimis / Thrillern, aber hier klang der Klappentext so interessant und nach meinem Geschmack, dass ich eine Ausnahme gemacht habe.
Im Zentrum der Geschichte steht die ehemalige Kinderpsychologin Anna Fox, die sich nach einem traumatischen Erlebnis nicht mehr traut, ihr Haus zu verlassen. Das alleine ist schon eine interessante Vorstellung und ich habe mich eingangs gefragt, wie wohl der Alltag einer solchen Person aussieht. Wie handhabt man Alltägliches wie zB den Einkauf, wenn man nicht rausgeht? Ich habe teilweise sehr gestaunt, wie Anna all das organisiert bekommt, welche Möglichkeiten es gibt. Ihre Zeit verbringt sie damit, alte Filme zu schauen, im Internet zu chatten und leider viel zu viel Alkohol zu trinken. Insbesondere der letzte Punkt hat dafür gesorgt, dass ich mit Anna bis zum Schluss nicht richtig warm geworden bin. Ich mag einfach keine Figuren, die (zu viel) trinken. Traumatisches Erlebnis hin oder her. Anna klingt so oft so intelligent, sie weiß sich auszudrücken und kann durchaus strategisch vorgehen. Wie kann eine solch intelligente Frau sich flaschenweise Wein hinter die Binde kippen?
Dennoch tat sie mir natürlich leid als sie die grausige Entdeckung im nachbarlichen Fenster gemacht hatte und niemand ihr glauben wollte. Einerseits wusste ich zwar, auch dieser Vorfall kann auf das Konto des Alkohols gehen, andererseits habe ich Anna einfach geglaubt. Und ich habe mich darüber geärgert, wie andere Personen ihr begegnen. Beispielsweise ein Polizist, eine Freundin, ihr Mann, der seit dem Ereignis mit der Tochter von Anna getrennt lebt etc. Niemand glaubt ihr und hält ihr stattdessen noch ihr einigermaßen verwahrlostes Leben vor.  Dass Anna sich darüber aufregt, konnte ich gut nachvollziehen.
Entsprechend gespannt und neugierig war ich, ob und wie sie all diesen Leuten beweisen würde, dass sie die Warhheit sagt. Es ist spannend zu verfolgen, was ihr dafür alles einfällt, wie schlau sie aus ihrer isolierten Position heraus versucht, Schlüsse zu ziehen. Und wie sie stellenweise über sich und über ihre Angst davor, das Haus zu verlassen,  hinauswächst.  Mit diesem Ehrgeiz gefiel sie mir gleich noch eine Spur besser und ich habe ihr ehrlich die Daumen gedrückt.
Gleichzeitig habe ich versucht, eigene Schlüsse zu ziehen. Kann man sich so etwas in einer solchen, an sich gepflegten Nachbarschaft vorstellen? Wie geben sich die Personen um Anna herum? Wer könnte mit in der Sache drinstecken? Und wieso eigentlich? Sowas macht mit beim Lesen immer viel Spass.
Das Finale kann man guten Gewissens dramatisch nennen und gleich in zweierlei Hinsicht als echte Überraschung bezeichnen.  Die eine Überraschung fand ich schlichtweg cool. Da schlägt die Story einen Haken vom Thriller zum Psychthriller. Mit der anderen Überraschung hatte ich einfach überhaupt nicht gerechnet.

Mit 541 Seiten ist das Buch ganz schön dick. Doch die Kapitel sind recht kurz, sodass man schnell einen ganzen Schwung davon einfach so wegliest.  Außerdem erzählt Anna ihre Geschichte selber, teilweise sehr locker, dann wieder in Bildern und mit Formulierungen, bei denen man schon mal kurz nachdenken muss und an denen man klar erkennt, welch intelligente Person sie ist. Das ist abwechslungsreich und einfach angenehm zu lesen.

Oben auf dem Bild sieht man sofort, dass der Titelschriftzug quasi durch ein Lamellenrollo schaut, was gut zum Titel passt. Hat man das Buch vor sich liegen, muss man schon genau hinsehen um das zu erkennen. So blau sind die Lamellen da nicht. Das finde ich schade. Aber düster sieht das Cover aus, wie es sich für einen Thriller gehört. Und der leuchtend rote Schriftzug bildet einen tollen Kontrast.

Fazit:  Anna war leider nicht ganz mein Fall, aber es hat immerhin dafür gereicht, dass ich ihre Empörung darüber, dass man ihr nicht glauben will, sehr gut nachvollziehen konnte. Ich habe ihr die Daumen gedrückt, dass sie die Zweifler überzeugen würde und es hat mich beeindruckt, wie Anna sich dabei mausert. Das Finale ist dramatisch und wartet gleich mit zwei echten Überraschungen auf. Und mit eine kleinen Hoffnungsschimmer auch.

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Titel: Woman in the window
Autor: A.J. Finn
Seiten: 541
Verlag: Blanvalet
ISBN:  978-3764506414
Preis: € 15,00 (Broschiert)

Die Moortochter (Karen Dionne)

Helena Pelletier lebt in Michigan auf der einsamen Upper Peninsula. Sie ist eine ausgezeichnete Fährtenleserin und Jägerin – Fähigkeiten, die sie als Kind von ihrem Vater gelernt hat, als sie in einer Blockhütte mitten im Moor lebten. Für Helena war ihr Vater immer ein Held – bis sie vor fünfzehn Jahren erfahren musste, dass er in Wahrheit ein gefährlicher Psychopath ist, der ihre Mutter entführt hatte. Helena hatte daraufhin für seine Festnahme gesorgt, und seit Jahren sitzt er nun im Hochsicherheitsgefängnis. Doch als Helena eines Tages in den Nachrichten hört, dass ein Gefangener von dort entkommen ist, weiß sie sofort, dass es ihr Vater ist und dass er sich im Moor versteckt. Nur Helena hat die Fähigkeiten, ihn aufzuspüren. Es wird eine brutale Jagd, denn er hat noch eine Rechnung mit ihr offen.

Dieses Buch ist ein tolles Beispiel dafür, dass man oft doch lieber auf sein Bauchgefühl hören sollte. Das hatte mir nämlich klar davon abgeraten. Aber dann veführte mich das Cover doch, das ich einfach super schön fand und immer noch finde. Damit nahmen die langweiligen Leseabende ihre Lauf.
Dabei finde ich die Grundidee der Geschichte gar nicht so schlecht. So eine verlassene Gegend ist ein toller Schauplatz für einen Thriller und wird sehr anschaulich beschrieben. So kann man sich alles gut vorstellen. Und auch eine Jagd zwischen einer Tochter und einem psychopathischen, aus dem Hochsicherheitsgefängnis entflohenen Vater, hätte ich mir an diesem Ort wirklich spannend und schaurig vorstellen können. Ich mochte auch Helena ganz gerne eigentlich. Sie ist zwar ein bisschen anders, doch das bleibt bei ihrer Geschichte wohl kaum aus. Sie ist clever, mutig und es ist beeindruckend, wie sie sich in der Natur zurechtfindet und Spuren deuten kann.
Leider ist die Geschichte jedoch gewissermaßen zweigeteilt. Einmal ist da der Part im Hier und Heute. Mit der Bedrohung, die plötzlich über Helena (und ihre Familie) hereinbricht und mit Helenas mutiger Jagd auf ihren Vater, bei der man gemeinsam mit ihr nur hoffen kann, dass sie ihm zuvorkommt und ihn unschädlich machen kann. Dieser Teil der Handlung hat einige wenige Schreckmomente und ist auch sonst nur leidlich spannend, einfach weil er vom zweiten, erheblich umfangreicheren zweiten Teil der Story total in den Hintergrund gedrängt wird.
Dieser große zweite Teil besteht aus vielen Rückblicken vor allem in Helenas Kindheit, die sie mit ihrem Vater und ihrer Mutter in einer Blockhütte im Moor verbracht hat. Man liest vom harten Leben dort, von Helenas Anfängen als Jägerin und Fährtenleserin und natürlich von der Tyrannei des Vaters, unter der sie aufgewachsen ist und unter der auch ihre Mutter zu leiden hatte. Ja, das ist alles auch wirklich schrecklich und es gibt durchaus Momente, in denen ich geschaudert habe, aber insgesamt verlieren sie sich in den sonstigen Schilderungen um diese Zeit in Helenas Leben. Um die Schilderungen, was die Familie damals gegessen hat, was für ein Erlebnis das erste selbst erlegte Tier war, wie oft Helena in alten Zeitschriften geblättert hat, wie sich die eisigen Nächte angefühlt haben und so weiter und so weiter. Später dreht sich in diesem Teil alles um die Zeit nach der Befreiung von Helena und ihrer Mutter und der Festnahme des Vaters. Und dann gibt es auch noch Rückblenden in die Anfänge von Helenas Familienleben und ihren Problemen, sich in der normalen Gesellschaft einzufinden.
Das alles ist dermaßen ausführlich ausgefallen, dass ich denke, würde man der Geschichte all ihre Rückblicke nehmen, hielte man maximal ein Romanheftchen in Händen. So kann man das Verhältnis dieser beiden Parts vielleicht ganz anschaulich beschreiben.
Bei mir ist es nun einmal so, dass mich solch umfangreiche Einschübe aus der eigentlichen Handlung herausreißen und mich davon ablenken. Damit bleiben dann immer auch die eventuell aufgebaute Spannung und Atmosphäre auf der Strecke. Und da es der “Moortochter” ohnehin kaum gelungen ist, beides aufzubauen, blieb durch die Rückblenden bei mir gar nichts mehr davon übrig.

Helena erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive und eigentlich empfinde ich diese Ich-Perspektive meist als sehr leicht zu lesen. Helena erzählt auch gut und anschaulich, aber einfach viel zu ausschweifend und detailreich. Ich bin mir sicher, hätte ich mal zwei oder drei Seiten ausgelassen, es wäre für die eigentliche Handlung kaum bis gar nicht von Bedeutung gewesen. Und so habe ich mich Abend für Abend durch die Geschichte gekämpft.

Das Cover, das mich so sehr verführt hat, mag ich allerdings immer noch. Mir gefallen die kräftigen, leuchtenden Grüntöne einfach super. Auch der düstere Rahmen aus Schilfhalmen und die einsame Hütte passen für mich zu einem spannenden Thriller.

Fazit: Was für ein langweiliger und unspannender Thriller! Anders kann ich es einfach nicht sagen, so leid es mir auch tut. Die Aufteilung in die Handlung heute und die Rückblenden hat längenmäßig ein völlig falsches Verhältnis. Die Erzählung verliert sich völlig im Damals und verdrängt so das Heute gänzlich in den Hintergrund. Dadurch hat weder die Spannung, noch die Atmosphäre eine Chance sich zu entfalten. Ich habe mich ehrlich durch das Buch hindurch gequält.


Titel: Die Moortochter
Autor: Karen Dionne
Seiten: 381
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 978-3442205356
Preis: € 12,99 (TB)

Gray (Leonie Swann)

Dr. Augustus Huff, Dozent an der berühmten Universität von Cambridge, hat plötzlich ein Problem: einer seiner Studenten ist in den Tod gestürzt. Nur ein tragischer Unfall oder Mord? Augustus vermutet Letzteres, denn das Opfer war alles andere als ein Engel. Ein Mörder im Elfenbeinturm – das darf nicht sein, und so macht sich Augustus, unterstützt von Gray, dem Graupapageien des Verstorbenen, auf die Suche nach dem Täter. Der Vogel erweist sich aber als vorlautes Federvieh, und zuerst stolpert Augustus von einem Fettnäpfchen in das nächste. Doch schon bald ist es Gray, der die richtigen Fragen stellt und Augustus begreift: nur gemeinsam können sie es schaffen, diese harte Nuss von einem Fall zu knacken.

Als riesiger Tierfreund und begeisterter Krimileser, stand für mich schnell fest, dass ich nach Leonie Swanns “Garou” und “Glennkill” auch “Gray” lesen würde. Graupapageien finde ich einfach toll!
Der Start mit der Geschichte verlief dann jedoch leider nicht allzu glücklich und ich begann bereits zu zweifeln, ob aus Gray, Huff und mir etwas werden würde. Ich habe nämlich immer so meine Probleme mit Figuren, die ungewöhnliche Eigenarten / Ticks an sich haben. Und Huff bringt davon einen ganzen Sack voll mit. Das hat mich -ehrlich gesagt- anfangs mehr genervt als unterhalten. Und wer möchte schon ein ganzes Buch lang genervt sein?
Je größer allerdings Grays Rolle wurde, umso mehr habe ich mich auch mit Huff angefreundet. Denn er ist ist wirklich sehr gut zu dem Tier, schließt es schnell ins Herz und lässt sich absolut auf den Vogel ein. Da ich der Meinung bin, dass ein tierlieber Mensch kein schlechter Mensch sein kann, wurde ich dadurch langsam auch mit Huff warm.
Auch ich habe Gray im Nullkommanichts ins Herz geschlossen. Der Vogel wird so anschaulich und goldig beschrieben, dass man ihn einfach liebhaben muss. Seine Plapperei ist ausgesprochen witzig und lockert so manche Szene auf, die sonst vielleicht eher düster oder schwermütig ausgefallen wäre. Ich habe so oft über den kleinen Kerl lachen müssen und so etwas mag ich immer sehr gerne.
Der Krimi um den Tod des Studenten hat, Huffs Naturell gemäß, ein eher ruhiges Tempo an sich. Huff ist kein Hektiker, er hat auch seine ganz eigene Art über die Dinge zu denken und einen guten und scharfen Blick im entscheidenden Moment. An dieses Tempo und die eigenwillige Gedankenwelt des Dozenten muss man sich ein bisschen gewöhnen, aber das geht schnell, es lohnt sich auf jeden Fall und witzig ist es mitunter auch.
Mit allzu vielen Figuren hat man es hier nicht zu tun, sodass das Geschehen stets übersichtlich bleibt. So kann man sich ganz auf den Fall konzentrieren und gemeinsam mit Huff und Gray knobeln, was im altehrwürdigen College vorgefallen sein könnte. Das macht Spass, ist spannend und hat sehr viel englischen Charme an sich. Und irgendwie hatte all dies für mich bald auch einen gewissen Wohlfühl- und Gemütlichkeitsfaktor an sich. Ich bin jeden Abend gerne wieder zu Huff und Gray ans College zurückgekehrt.
Beeindruckt hat mich Huffs Entwicklung während des Falls. Seine Nachforschungen sind ohnehin so manches Mal ganz schön gefährlich, doch diese gewissen Talente, die er nach und nach an den Tag legt, haben mich wirklich überrascht. Aber eben auch beeindruckt, was ihn mir nochmal sympathischer gemacht hat. Anfangs wirkte er auch irgendwie so alt auf mich (was er gar nicht ist), doch das Bild wandelte sich durch eine Extratouren recht schnell.
Nach dem vergleichsweise gemächlichen Tempo der Story bringt das Finale dann neben einer großen Überraschung noch einen großzügigen Schuss Schwung und Dramatik mit einigen Schreckmomenten mit. Das hatte ich der Geschichte lange so gar nicht zugetraut. Trotzdem ist es stimmig und das Flair der Geschichte geht dadurch auch nicht verloren. Fein gemacht!
Zuletzt noch ein paar mahnende Worte. In meiner Familie gab es mal ein Graupapagei. Ein bisschen weiß ich noch, was diese Tiere alles (lernen) können. Das ist teilweise wirklich außergwöhnlich. Ob es allerdings einen Graupapagei wie Gray gibt bzw geben kann, da bin ich mir nicht sicher. Ich hoffe nicht, dass sich begeisterte Leser alleine aufgrund von Grays Darstellung solch ein Tier zulegen. Und auch die Haltungsweise von Gray ist defintitiv nicht ideal für einen solchen Vogel. All das erwähnt Leonie Swann auch in ihrem Nachwort und ich hoffe wirklich sehr, die Leser nehmen es sich zu Herzen. Um der Tiere Willen.

Wie schon geschrieben denkt Huff ein wenig anders als die meisten Menschen. Da die Geschichte überwiegend aus seinem Blickwinkel erzählt ist, liest sie sich entsprechend auch eine Spur schwieriger. Ich muss aber sagen, dass ich mich schnell daran gewöhnt habe.und dann las es sich flott und flüssig weg. Die Kapitel sind vergleichweise lang, aber nicht zu lang. Man kommt mit jedem Kapitel ein gutes Stück voran und kann auch mal zwei oder drei (oder vier oder fünf…) am Stück lesen. Die Titel der Kapitel stimmen jedes Mal neugierig.
Unten rechts in der Ecke der Seiten gibt es jeweils ein kleines Bild vom Detektiven Gray. Wenn man nur die Ecken blättert, ergibt sich so ein witziges Daumenkino.

Wie auch bei “Glennkill” und “Gray” ist das Covermotiv eher schlicht gehalten und zeigt ein interessantes Schattenspiel aus Papagei und…tja, soll das Huff sein? Oder doch Sherlock Holmes? Nichts Genaues weiß man nicht, wie es sich für einen Krimi eben gehört. Passend zum Graupapgei ist alles in Grau und Schwarz mit Flecken in leuchtendem Rot gehalten.

Fazit: Nach einigen Startschwierigkeiten, hat mir “Gray” dann doch noch richtig gut gefallen! Ein wirklich spannender und durch ein recht illustres Ermittelerteam auch ungewöhnlicher und interessanter Krimi. Lange Zeit geht es eher ruhig zu, wodurch man sich ganz auf das Geschehen und den Fall konzentrieren kann. So kann man sehr gut miträtseln, was dank Grays Sprüchen und Huffs leicht schräger Gedankenwelt auch sehr unterhaltsam ist.


Titel: Gray
Autor: Leonie Swann
Seiten: 416
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 978-3442314430
Preis: € 20,00 (HC)

Hänschen klein (Andreas Winkelmann)

haenschenDer junge Anwalt Sebastian Schneider bekommt eines Tages einen seltsamen Brief: die erste Strophe des Liedes »Hänschen klein« und das innige Versprechen einer Frau, dass sie und ihr Hans bald wieder vereint sein werden. Sebastian glaubt an einen Irrtum. Er ahnt nicht, dass er einen Liebesbrief in den Händen hält, der sein Leben zerstören wird: den Brief einer Mutter, die – totgeschwiegen, totgeglaubt, dem Wahnsinn verfallen – auf der Jagd nach ihrem Sohn ist. Und bereit, für ihr Hänschen klein über mehr als eine Leiche zu gehen.

Dieses Buch stand schon sehr lange im Regal und wäre fast meiner Ausräumaktion zum Opfer gefallen. Aber die Thriller von Andreas Winkelmann hatten mir bisher meist ganz gut gefallen, deshalb durfte es bleiben und wurde sogar zügig gelesen. Nach den letzten Pleiten war mir mal wieder nach einem guten Buch.
Leider muss ich aber sagen, dass mir “Hänschen klein” dann doch nicht besonders gefallen hat.
Fangen wir mit aber mal mit dem Positiven an, so gehört sich das schließlich. Finde ich wenigstens.
Mir hat der Bösewicht hier sehr gut gefallen. So richtig schön brutal und so richtig schön krank im Kopf. Das mag ich. Ich lese und staune immer wieder gerne darüber, wie verkorkst der menschliche Verstand sein kann bzw welche erschreckenden Veränderungen im menschlichen Gehirn vor sich gehen können.
Irgendwie fasziniert mich das immer. Je schlimmer, desto begeisterter bin ich.
Für den ersten Negativpunkt kann die Geschichte selber eigentlich gar nichts, denn das Buch ist nunmal bereits knappe sechs Jahre alt. Mir kam es dadurch allerdings irgendwie ein wenig verstaubt und veraltet vor. Ich kann noch nicht mal präzise irgendwelche Punkte benennen. Vielleicht die Ausdrucksweise der Figuren hier und da, die Beschreibungen gewisser Umstände und Dinge…eben Dinge, die man heute anders sagen würde bzw die es heute bereits in stark modernisierter Form gibt. Wie auch immer, ich habe einfach immer so meine Probleme mit Geschichten, die nicht absolut im Heute spielen. Daher hat es mir “Hänschen klein” nicht leicht gemacht.
Dazu kommt noch, dass ich die Story nicht sonderlich spannend fand. Ich finde Krimis und Thriller immer spannender, wenn es einen Ermittler als Hauptfigur gibt. Das ist hier nicht der Fall. Natürlich mischt die Polizei mit, doch die Hauptpersonen sind Anwalt Sebastian Schneider und seine Freundin Saskia, und die ermitteln kaum bis gar nicht, sondern sind die Opfer in der Geschichte.
Außerdem ahnt man schnell, wer hinter den grausigen Vorfällen und den sonderbaren Briefen steckt. Kein Wunder, denn kapitelweise ist man als Leser beim Täter zu Gast. So kann man natürlich auch nahezu jeden Vorfall bei Sebastian und Saskia jemandem zuordnen. Und selbst das Motiv ist -so krank es ist- nicht schwer zu erraten. Das hat für mich schon ziemlich viel an Spannung rausgenommen. Und weil ich Ermittlungen -wie schon geschrieben- immer spannender finde als bei den Opfern zu sein, habe ich auch manche Szenen als Längen empfunden, die mich beim Lesen ausgebremst haben.
Der größte Knackpunkt ohne den ich überall sonst großzügig hätte hinwegsehen können, war aber der okkulte / übersinnliche Einschlag in der Geschichte. Erstens glaube ich an so etwas schlicht nicht und zweitens (und viel wichtiger) hat es für mich in einem Thriller nichts zu suchen. Ich glaube gerne an jeden Irrweg des menschlichen Verstands und begrüße ihn in einem Thriller absolut. Aber wenn man mir weismachen möchte, dass so etwas wie Beschwörungen und Telepathie funktionieren, dann ist es bei mir vorbei. Dass Telepathie generell funktionieren kann, stelle ich nicht infrage, aber auf diese Weise hier…nein, das kaufe ich niemandem ab. Auch nicht Andreas Winkelmann.
Und somit hat “Hänschen klein” bei mir einen sehr, sehr durchwachsenen Eindruck hinterlassen.

Der Schreibstil geht in Ordnung, das liest sich gut und schnell. Das nützt aber eben auch nur wenig, wenn einen der Inhalt nicht packt und vorantreibt. Hinzu kommen noch oft lange erzählende / erklärende Abschnitte, was mich immer ausbremst. Ich mag einfach Dialoge lieber, weil darin mehr Tempo steckt.

Das Cover gefällt mir noch immer gut. Das Blutrot ist einfach ein Blickfang. Und man fragt sich automatisch, was sich hinter der hölzernen Tür verbergen mag. Das macht natürlich neugierig. Erst recht bei der Kombination aus einen Kinderlied-Titel und dem Thriller-Genre.

Fazit:  Der Täter hier ist genau nach meinem Geschmack krank im Kopf. So etwas ist absolut mein Ding bei einem Thriller. Und dafür, dass manches etwas veraltet wirkt, kann die Geschichte nichts. Ich mag aber nun mal lieber Geschichten ganz im Hier und Heute. So richtig übel habe ich “Hänschen klein” seinen okkulten / übersinnlichen Einschlag genommen. An so etwas wie hier glaube ich nicht, Punkt. Und es hat für mich in einem Thriller auch nichts verloren. Jedenfalls nicht in diesem Ausmaß.


Titel: Hänschen klein
Autor: Andreas Winkelmann
Seiten:411
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 978-3442471256
Preis: € 8,95 (TB)

Tief im Wald und unter der Erde (Andreas Winkelmann)

tiefimwaldEine einsame Bahnschranke im Wald, dunkle Nacht. Seit an diesem Ort vier ihrer Freunde bei einem mysteriösen Unfall ums Leben kamen, wird Melanie von panischer Angst ergriffen, wenn sie hier nachts anhalten muss. Denn jedes Mal scheint es ihr, als krieche eine dunkle, schemenhafte Gestalt vom Waldrand auf ihren Wagen zu. Niemand glaubt ihr – bis die junge Jasmin Dreyer verschwindet, und ihr Fahrrad an der Bahnschranke gefunden wird.

Andreas Winkelmann gehört schon länger zu meinen Lieblingsthrillerautoren. Bei diesem Buch hatte ich anfangs allerdings das seltsame Gefühl, Kommissarin Nele Karminter bereits vorn irgendwoher zu kennen. Ich habe kurz nachgeschaut und sie in “Bleicher Tod” gefunden, das ich vor Längerem gelesen habe. Irgendwie habe ich die Sache mit ihr also quasi von hinten aufgezäumt.
Das hatte aber widerum den Vorteil, dass ich sie nicht erst noch kennenlernen musste. Stattdessen habe ich sie im Laufe dieser Geschichte einfach nur noch besser kennengelernt. Es ist also kein Problem, wenn man in die Thriller mit ihr so quer einsteigt wie ich.
Das Buch beginnt mit einem Rückblick in das Jahr vor dem, in dem die eigentliche Handlung spielt. Schon dieser Rückblick lässt einen schaudern und sorgt für eine wohlige Gänsehaut. Ich fand ihn sogar etwas gruselig und war damit gleich gut eingestimmt auf den Rest der Geschichte.
Ich muss gestehen, dass ich Züge irgendwie auch unheimlich finde. Speziell, wenn es dunkel ist und diese Tonnen an Metall in unaufhaltsamem Tempo vorbeirauschen. Das habe ich bisher zum Glück nur in Bahnhöfen erlebt, aber an einer einsamen Bahnschranke, abends im dunklen Wald, muss das noch viel unheimlicher wirken. Entsprechend schauerlich fand ich hier die Szenen an der einsam gelegenen Bahnschranke.
Erschreckend regelmäßig und schnell hintereinander verschwinden an dieser Schranke junge Mädchen. Nele Karminter und ihr Team müssen herausfinden, wer dahinter steckt und wo sich die Mädchen befinden.
Ich fand diese Jagd nach dem Täter durchweg sehr spannend und habe ordentlich mitgefiebert. Dabei hat mir besonders gefallen, dass die Ermittlungen keineswegs immer wie am Schnürchen verlaufen. Lange haben sie gar keinen Anhaltspunkt, fischen praktisch im Trüben und obendrein sitzt ihnen noch die Chefetage im Nacken. Ich kann mir gut vorstellen, dass Polizeiarbeit in der Realität auch manches Mal so aussieht. Daher mag ich es einfach gerne, wenn Ermittler in Büchern keine Überflieger sind, die den Täter im Nu erwischen. Außerdem freundet man sich hier wirklich leicht mit Nele, ihrer Freundin Anou, dem Kollegen Tim usw an. Das macht es umso spannender, denn natürlich sorgt man sich vor allem um Figuren, die man mag.
Genauso gut hat mir der Schlupfwinkel des Täters gefallen. Solch eine Anlage ist irgendwo schon eine coole Vorstellung. Vielleicht ein wenig gruselig und sicher auch gefährlich, aber eben auch so cool, dass ich mich dort gerne mal genauer umschauen würde.
Der Täter selber dagegen hat nicht ganz meinen Geschmack getroffen. Natürlich ist er grausam, skrupellos und krank im Kopf, somit also absolut nach meinem Geschmack, aber mir fehlte das gewisse Etwas. Das, was ihn besonders macht und von anderen Psychopathen abhebt. Denn außer einer äußerlichen Eigenschaft gibt es keinen nennenswerten Unterschied zu seinen Kollegen. Und die sind schließlich genauso grausam, skrupellos und krank im Kopf. Andererseits sage ich mir, dass 2009 vielleicht noch nicht so viele Thriller in den Regalen der Buchhandlungen standen und entsprechend weniger Psychopathen dort unterwegs waren als heute. Das kann sein.
Ob man das Motiv bzw den Auslöser für seine Taten für überzeugend hält, das muss jeder für sich entscheiden. Ich habe ja etwas gegen diese Theorie mit der schlimmen Kindheit und finde sie nicht zwangsläufig überzeugend.
Übrigens musste ich ab und zu schmunzeln. Denn man navigiert in dieser Geschichte noch mit Landkarten! Und wenn man Infos über eine Gegend braucht, dann schmeißt man nicht kurz mal google an, sondern fragt bei Ortskundigen nach. Das ist irgendwie niedlich 😉

Das Buch liest sich prima und zügig weg. Andreas Winkelmann gehört für mich zu den Autoren, die beweisen, dass auch ein flüssiger und unterhaltsamer Schreibstil im Nullkommanix für Spannung und eine düstere Atmosphäre sorgen kann. Die Kapitel sind hier recht lang, zumal jedes von einem ganzen Tag erzählt. Das bedeutet aber auch, dass einen jedes ein ordentliches Stück voran bringt.

Bei dem Cover habe ich lange überlegt, ob mir der blutrote Fleck etwas sagen soll. Soll das eine Silhouette von irgendwas sein? Dann habe ich Andreas Winkelmanns “Hänschen klein” daneben gelegt und beschlossen, dass es einfach nur ein blutroter Fleck und wohl ein “Markenzeichen” seiner Thriller aus 2009 / 2010 ist. Das ist auch in Ordnung, Blutrot passt zu einem Thriller. Und ein Wald, wie er im oberen Teil des Motivs zu sehen ist, spielt in der Geschichte eine große Rolle.

Fazit:  Ein spannender Thriller, nach dem ich mich auf den kurzen Wegen in meiner dunklen Wohnung durchaus etwas unwohl gefühlt habe. So müssen solche Bücher bei mir wirken, dann mag ich sie. Außerdem fand ich es schön, Kommissarin Nele Karminter etwas besser kennenzulernen und konnte gut nachempfinden, unter welchem Druck sie und ihr Team bei den Ermittlungen stehen. Der Täter hätte für mich gerne etwas einzigartiger sein dürfen, abe 2009 tummelten sich vielleicht noch nicht so viele Psychopathen in den Bücherregalen, so dass dieser hier damals tatsächlich besonders grausig wirkte.


Titel: Tief im Wald und unter der Erde
Autor: Andreas Winkelmann
Seiten:408
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 978-3442469550
Preis: € 8,95 (TB)

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