Gothic

Retrum (Francesc Miralles / Robert Köhler)

Titel: Retrum / Verlag: Jumbo Verlag, Goya Libre / Spielzeit: ca. 234 min / Buch: Francesc Miralles / gelesen von: Robert Köhler

Inhalt: Der 16-jährige Christian schließt sich einer geheimen Verbindung namens Retrum an, die nachts verschiedene Friedhöfe aufsucht, um dort in Kontakt mit Toten zu treten. Christian verliebt sich dabei in die mysteriöse Alexia. Die junge Liebe findet jedoch ein jähes Ende, als Alexia bei einem ihrer nächtlichen Ausflüge ermordet wird. Verwirrt und noch immer zutiefst betrübt, lässt sich Christian schließlich mit seiner Schulkameradin Alba ein. Doch ihm erscheint immer wieder ein Mädchen, das Alexia verblüffend ähnlich sieht und ihn auffordert, den Mord zu rächen. Und so wagt Christian alles, um das Geheimnis um Alexia und ihren Tod zu lüften.


Von diesem Hörbuch hatte ich mir einiges versprochen. Leider hat mir “Retrum” aber gar nicht gefallen. Normalerweise würde ich das damit zu entschuldigen versuchen, dass es eine Geschichte für Teenies ist, dass man da nicht wunders was erwarten darf. Doch das, was ich erwartet habe und was “Retrum” fehlt, ist gar nicht so etwas Besonderes.
Was hatte ich erwartet? Spannung natürlich. Doch die Geschichte ist alles andere als spannend. Sie kommt bis fünf Kapitel vor Ende der zweiten CD überhaupt nicht in die Puschen. Ich hatte mich schon gefragt, wann mal etwas passieren würde, das Dramatik irgendeiner Art reinbringen würde. Als dann endlich etwas passiert, wird das sehr undramatisch und kurz abgehandelt. Ehe man es sich versieht, ist Christian schon wieder  damit beschäftigt, sich an ein Mädel ranzumachen. Gegen Ende des Hörbuchs geht es dann plötzlich so holterdipolter, dass man sich fragt, wo einem der Kopf steht. Auch das ist nicht spannend.
Ich hatte erwartet, es würde ein wenig unheimlich zugehen. Fehlanzeige auch in dieser Hinsicht. Auf Friedhöfen rumzulaufen ist nicht automatisch unheimlich. Ssich Geschichte über Tote zu erzählen, die Kontakt zu Lebenden aufnehmen, das könnte unheimlich sein, wenn es nicht nur angerissen werden würde. Das Buch hat eine Empfehlung ab 16 Jahren! Da darf man schon etwas mehr in die Tiefe gehen! Und das gilt nicht nur für den Gruselfaktor, sondern auch für Christians Trauer und die Themen Freundschaft und Liebe! Doch alles bleibt hier oberflächlich.
Aller unguten Dinge sind ebenfalls drei, deshalb hatte ich mir noch sympathische, glaubhafte Charaktere gewünscht. Christian jedoch merkt man seine Depressivität so gut wie nie an. Nur damit, dass man erwähnt, dass man es ist, ist es nicht getan. Auch nicht damit, dass man anmerkt, man lese gerne düstere, schwermütige Literatur. Und Christians Freunde von “Retrum”? “Der Kreis der Blassen”, weil sie sich blass schminken. Die einen Friedhof als ihren “natürlichen Lebensraum” ansehen. Da ist alles rausgekramt worden, was für das Aushängeschild der Gothic-Szene gehalten wird. Glaubhaft geht anders.

Robert Köhler habe ich hier zum ersten Mal als Sprecher eines Hörbuchs gehört und auch er konnte mich nicht überzeugen. Wenn die Geschichte es schon nicht schafft, dann hätte er zB  versuchen können, Christians Traurigkeit zu vermitteln. Doch Gefühle jedweder Art kommen hier gar nicht rüber. Ich habe Robert Köhlers Art zu lesen als sehr trocken empfunden, ohne Dynamik, ohne auch nur ansatzweise nach dem Erzählenden der Geschichte, einem Sechzehnjährigen, zu klingen. Und so kann nun mal auch keine Atmosphäre aufkommen.

Auf der Rückseite des Booklets ist Alexias Playlist zu finden. Schade, dass man davon gar nichts hört. Sie spielt eine wichtige Rolle und wenigstens sie trifft den schwermütigen Tenor, den die Story nicht zu vermitteln in der Lage ist. Hier und da ein paar Klänge, das hätte vielleicht was rausgerissen.

Auch wenn dieser schwarz-weiße Stil im Jugendbuchbereich gerade um sich zu greifen scheint, noch mag ich ihn. Deshalb hatte mir das Cover auch sofort gefallen und mich neugierig gemacht. Es wirkt geheimnisvoll und düster mit dieser Scherenschnitt-Optik, und macht so etwas her.

Fazit: Unspannend, undramatisch, nicht einen Hauch unheimlich, und oberflächlich. Mehr bleibt dazu eigentlich nicht zu sagen. Ich bin wirklich sehr enttäuscht, die Inhaltsangabe klang so vielversprechend und auch das Cover ließ auf eine tolle Geschichte hoffen… So kann’s gehen, leider.

Dorian Grave – Das Geheimnis des Dorian Grave (Stephan M. Rother)

Leonies Vater ist Schriftsteller. Rätselhafte Ereignisse aus dem Mittelalter sind eigentlich sein Thema. Umso überraschter ist Leonie, als sie eines Nachts belauscht, wie er sich in seiner Bibliothek mit einem geheimnisvollen Gast unterhält: Dorian Grave, dem Sänger der Gothic-Band Dead Art. Leonies Idol und das ihrer Freunde. Am nächsten Tag macht eine schreckliche Nachricht die Runde: Dorian Grave ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Zufall oder mehr? Leonies Vater wird vom Staatsschutz verhaftet und Dorians Leichnam verschwindet aus der Gerichtsmedizin. Und das verschollene letzte Album des Gothic-Stars taucht auf sowie eine rätselhafte Landkarte aus dem Mittelalter. Fieberhaft forschen Leonie und ihre Freunde nach den Zusammenhängen. Bald wird ihnen klar, dass sie für Dorian Graves Geheimnis womöglich einen hohen Preis zahlen müssen. Ihr Leben?

Der Klappentext klingt weitaus trivialer als es die Geschichte ist. Und auch ich bin auf diesen Klappentext quasi “hereingefallen”, denn was ich mir unter einem Mystery-Gothic-Thriller vorzustellen habe, das wusste ich wirklich nicht. Mich lockte die Erwähnung der Gothic-Szene und ihrer Musik, da ich für beides eine Menge übrig habe.
Umso überraschter war ich darüber, was Stephan M. Rother dem Leser mit Dorian Grave Band 1 vorlegt.
Denn die Gothic-Szene, ihre Musik, Dead Art, die Band von Dorian Grave, das alles erschafft zwar die Rahmenhandlung, stellt einige der  Protagonisten und macht die Geschichte so modern, dass sie Jugendliche schnell anspricht, aber das eigentliche Thema ist viel tiefgründiger.
So spielt sie vor tatsächlichem, historischen Hintergrund, denn die Ebstorfer Weltkarte, mit der Dorians Tod irgendwie zusammenzuhängen scheint, existiert tatsächlich. Sie entstand um 1300 herum und auch wenn davon heute nicht mehr viel übrig ist, so stellt sie in Dorian Grave immerhin quasi den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.
Für Leonie und ihre Freunde gibt es eine Menge Rätsel zu ergründen, denn wieso stiehlt jemand Dorians Leichnam aus der Gerichtsmedizin, wieso steht plötzlich der Staatsschutz vor Leonies Tür und verhaftet ihren Vater und was wollte Dorian mit seinem so ganz anderen, neuen Soloalbum ausdrücken, das im Arbeitszimmer von Leonies Vater auftaucht?
Es ist beeindruckend, wie leicht Stephan M. Rother hier den Bogen von Jugend-Thriller hin zu einer Geschichte schlägt, die in weiten Teilen mittels historischer Quellen belegbar ist.
Diese Mischung macht die Geschichte ausgesprochen interessant und überaus spannend. Und wer sich nun -wie ich es vermutlich auch tun würde, würde ich die Geschichte nicht kennen- sorgt, dass ihm hier knochentrockener Geschichtsunterricht vorgesetzt wird, den kann ich beruhigen. Dorian Grave ist alles, aber garantiert nicht trocken und langweilig.
Auch ein wenig Grusel wird geboten, es gibt diverse Szenen, die einem eine dicke Gänsehaut verursachen.
Einen großen Bonus hat die Geschichte bei mir damit eingefahren, dass sie in Deutschland spielt, sogar in einer Gegend, die man zumindest den Städtenamen nach kennt und einsortieren kann, die also quasi greifbar ist.

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich das Buch gelesen habe, es erschien ja bereits 2008. Ich weiß aber noch, dass ich insgesamt gut zwei Wochen dafür gebraucht habe. Nicht weil es mich gelangweilt hätte, nein, aber für ein Jugendbuch ist es schon sehr komplex und vielseitig, da brauchte ich einfach immer mal wieder eine Pause.
Dabei liest es sich eigentlich ganz gut, flüssig und ist sehr bildhaft geschrieben, so dass man die Szenen immer sofort vor Augen hat, was das Lesen natürlich ebenfalls bereichert.

Ich hätte dem Buch einen Umschlag gewünscht, bedruckte Hardcover sind nur selten wirklich mein Fall. Aber wenigstens ist das Motiv wirklich sehr schön. Das Gesicht aus Lichtstrahlen am Himmel, darunter die rabenschwarze Schattengestalt , das ist düster und geheimnisvoll und ein Hingucker.  Schlägt man das Buch auf -sei es von vorne oder von hinten- erhält man einen Blick in einen Ausschnitt der Ebstorfer Weltkarte.

Fazit:   Mir hat “Dorian Grave” sehr gut gefallen. Eine interessante und spannende Geschichte, die gekonnt historische Fakten mit Fantasy der heutigen Zeit vermischt ohne dabei je mit geschichtlichen Ausführungen zu langweilen. Durch den Bezug zur Gothic-Szene und -musik dürfte das Buch für Teenies sehr interessant sein, da diese “dunkle Welt” aktuell ja sehr beliebt ist.


Titel:  Dorian Grave – Das Geheimnis des Dorian Grave
Autor: Stephan M. Rother
Seiten:  380
Verlag: Baumhaus Verlag / Lübbe
ISBN: 978-3833936265
Preis:  € 14,90

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