Heyne Verlag

Angstmörder (Lorenz Stassen)

Als der notorisch erfolglose Anwalt Nicholas Meller die junge Nina empfängt, die sich bei ihm bewirbt, wird schnell klar: Nina sieht genauso gut aus wie auf dem Bewerbungsfoto, und – sie trägt einen körperlichen Makel. Ihr rechter Arm ist zurückgebildet. Ebenso schnell wird klar: Nina ist eine starke Frau, die kein Mitleid duldet und sich durchs Leben kämpft. Beide ahnen nicht, dass ihre Schicksale schon bald durch dramatische Ereignisse verschmolzen werden. Sie geraten in den Fall um einen unheimlichen Mörder, der seine Opfer mit chirurgischer Präzision einkreist und brutal umbringt. Was niemand weiß: Der Angstmörder hat sein nächstes Opfer schon ausgewählt.


Obwohl die Sache mit dem “Angstmörder” und mir von Anfang an, vom Klappentext her quasi, unter keinem allzu guten Stern stand, wollte ich es doch mit ihm versuchen. Ich lese inzwischen ausschließlich Krimis / Thriller deutscher Autoren und bin so ständig auf der Suche nach neuen guten Büchern aus diesen Genres.
Leider kam es dann aber doch wie befürchtet. Ich habe es nämlich einfach nicht mit Ermittlern jedweder Art, die sich in erster Linie durch Faulheit und Bequemlichkeit auszeichnen. Anwalt Nicholas Meller ist in meinen Augen ein Paradebeispiel dieser Spezies. Und so jemand sollte in einen wirklich spannenden Fall verstrickt werden?
Dann fängt die junge Referendarin Nina bei ihm an und an sich mochte ich Nina auf Anhieb ganz gerne, weil sie auf ihre Art Leben in die Kanzlei bringt. Das war dann aber auch das einzige, was sie für mich charakterlich auszeichnete. Dass einer ihrer Arme degeneriert ist, ist zwar einigermaßen tragisch (einigermaßen, weil sie gut damit klarkommt), aber mit ihrem Charakter hat das für mich weniger etwas zu tun. Insgesamt blieb mir der also eine ganze Spur zu flach gehalten. In Summe ergaben Nicholas und Nina für mich entsprechend nicht unbedingt ein Team, dessen Nachforschungen ich mit Hochspannung gefolgt bin.
Der erste Fall für dieses Duo lässt natürlich nicht lange auf sich warten. Sie bekommen es sofort mit einem Mörder zu tun, der lange schier übermächtig wirkt. Da fragt man sich natürlich schon, ob und wie sich so jemand würde überführen lassen. Somit war endlich zumindest ein Funken Spannung gegeben. Wobei ich mich hier und da gefragt habe, ob ein solcher Täter für so ein schräges Team nicht doch etwas zu dick aufgetragen ist.
Selbstverständlich ist es vor allem Nina zu verdanken, dass sie und Meller dem Mörder dann doch auf die Schliche kommen. Das war auch gut so. Ich hätte es Meller nie abgenommen, dass er plötzlich ein solch helles Kerlchen ist. Nicht nachdem er anfänglich für mich mehr ein ziemlicher Versager war. In Zusammenarbeit mit Nina konnte ich ihn aber ganz gut akzeptieren. Was er dabei leistet, habe ich ihm durchaus abnehmen können. Und so wurde es mit den beiden wenigstens nicht langweilig.
Gestutzt habe ich dann allerdings als der Fall soweit aufgeklärt war, aber immer noch so viele Seiten im Buch übrig waren. Was bitte konnte da jetzt noch kommen? Ein letzter Dreh natürlich, was sonst? Plötzlich sieht vieles dann doch wieder anders aus. Sowas muss man mögen, vor allem in solcher Ausführlichkeit. Mein Fall war es leider wegen genau dieser Ausführlichkeit nicht. Ein kurzes quasi “ätsch, lieber Leser”, okay. Aber nicht über schlapp 48 Seiten.

Der Schreibstil ist leicht und flott, so liest sich das Buch zügig weg. Alleine deshalb habe ich es auch in einem Rutsch gelesen. Nicht, weil mich die Story oder die Charaktere so begeistert hätten, aber weil es nicht anstrengend zu lesen war.

Das Cover gefällt mir durchaus. Ich mag den Kontrast zwischen dem Schwarz und dem Gelb. Das sieht gut aus und ist auffällig, wenn man im Buchladen vor dem Tisch oder Regal steht.

Fazit: Für mich wird es die erste und letzte Begegnung mit Meller und Nina bleiben. Beide Figuren waren nicht nach meinem Geschmack. Was natürlich auch daran liegt, dass sie charakterlich leider eher flach bleiben. Einen wunderbar brutalen und cleveren Killer gibt es zwar, doch irgendwie wirkt das für dieses ungewöhnliche Gespann zu dick aufgetragen um glaubwürdig zu sein. Langweilig war der Thriller zwar nicht, aber umgehauen hat er mich nicht. Schade, aber die Chance war es wert.

——————————————————————-

Titel: Angstmörder
Autor: Lorenz Stassen
Seiten: 352
Verlag: Heyne Verlag
ISBN:  978-3453438798
Preis: € 12,99 (Broschiert)

Die Kinder (Wulf Dorn)

Auf einer abgelegenen Bergstraße wird die völlig verstörte Laura Schrader aus den Trümmern eines Wagens geborgen. Im Kofferraum entdecken die Retter eine grausam entstellte Leiche. Als die Polizei den Psychologen Robert Winter hinzuzieht, wird dieser mit dem rätselhaftesten Fall seiner Karriere konfrontiert: Die Geschichte, die Laura Schrader ihm erzählt, klingt unglaublich. Doch irgendwo innerhalb dieses Wahnkonstrukts muss die Wahrheit verborgen sein. Je weiter Robert vordringt, desto mehr muss er erkennen, dass die Gefahr, vor der Laura Schrader warnt, weitaus erschreckender ist als jeder Wahn.

Was habe ich auf dieses Buch gewartet! Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Jahre es schon her ist, dass ich auf einer Buchmesse beim Verlag gefragt habe, wann es erscheinen würde. Es war so ewig lange angekündigt. Und dann gab es endlich einen Termin und schon hatte ich es vorbestellt und darauf hin gefiebert.
Vielleicht hätte mich der Titel skeptisch werden lassen sollen. Denn ich gehöre -das gebe ich ehrlich zu- nicht zu den Menschen, die sich für Kinder allzu sehr begeistern können. Andererseits habe ich schon einige Krimis und Thriller gelesen, in denen Kinder eine wichtige Rolle gespielt haben. Und die haben mir trotzdem gefallen. Genauso wie ich Horrofilme mit Kindern immer besonders schaurig finde. Daher denke ich nicht, dass ich dem Buch mit Vorsicht hätte begegnen sollen.
Es begann dann auch zu 100 % nach meinem Geschmack mit dem nächtlichen Unfall auf der regennassen Bergstraße und dem grausigen Fund im Kofferraum des verunfallten Wagens. So hätte es gerne weitergehen dürfen.
Leider tut es das aber keineswegs. Grundsätzlich gefiel mir die Idee der Story ganz gut. Die Kinder, die sich so seltsam verhalten, die verschwundenen Menschen, die teilweise apokalyptisch anmutende Szenerie, doch das hat schon etwas. Das würde schon fast für einen Horrofilm reichen. Ausreichend blutig geht es dafür ebenfalls zu, was mir auch ganz gut gefallen hat.
Mein Problem mit “Die Kinder” ist ganz einfach, dass es auf mich wirkt, als habe Wulf Dorn nicht recht gewusst, welches Genre er damit bedienen möchte, was er damit beim Leser bewirken möchte. Will er nun darauf aufmerksam machen, wie schlecht es vielen Kindern auf der Welt geht? Und dass man, wenn man auf der sonnigeren Seite des Lebens aufgewachsen ist, vielleicht etwas dazu beitragen sollte, dass es ihnen ebenfalls besser geht? Soll das Buch also mit diesen erschreckenden Kapiteln gesellschaftskritisch sein und aufrütteln?
Oder soll es doch ein Thriller sein, wie es die Szene am Anfang mit dem Unfall verheißt? Das wäre mir ja am liebsten gewesen, jedoch bleibt davon im wieteren Verlauf am wenigsten übrig.
Oder soll es Richtung Horror, Mystery und Fantasy gehen? Auch das ist absolut denkbar! Es gibt zahlreiche Passagen, die dazu passen würden. Und ich hätte da auch gar nichts dagegen, wenn nicht auf dem Cover ausdrücklich “Thriller” stehen würde. In einem Thriller hat für mich Übersinnliches nichts verloren. So cool ich das sonst auch immer finde.
Diese Frage danach, was die Story mir sagen soll, was sie sein will, hat mich also schon beschäftigt. Aber dieses “Unetnschlossene” hat auch dazu geführt, dass ich sie mich nicht wirklich gefesselt hat. Die einzelnen Kapitel zum Teil schon, das Große und Ganze jedoch leider nicht. Auf die Auflösung war ich allerdings sehr gespannt und ich hoffte, dass alles spätestens dann schlüssiger werden würde.
Und dann kam die Auflösung und ich konnte einfach nur den Kopf schütteln. Jetzt also auch noch ein mahnender Zeigefinger zum Thema Umwelt(bewusstsein)? Die nächste Theroie darüber, was “Die Kinder” eigentlich sein möchte? Und davon mal abgesehen: solch eine Erklärung für die Vorkommnisse wie in dieser Geschichte, welcher Leser, der alle Sinne beieinander hat, soll dem Autoren das bitte abkaufen? Selten so etwas Hanebüchenes gelesen…

Durch die Schauplatzwechsel liest sich “Die Kinder” erfreulich leicht und flüssig weg. Mit allzu vielen Charakteren hat man es auch nicht zu tun. So bleibt alles schön übersichtlich, was meinem Lesefluss ebenfalls immer gut tut. Mit jedem Kapitel kommt man ein gutes Stück voran, sodass ich mir irgendwann gesagt habe: ach, es sind nur noch drei Kapitel, die schaffe ich nun auch noch. Und schon war ich an nur einem Abend fertig mit dem Buch.

Optisch gefällt mir das Buch ausnehmend gut. Wunderbar finster mit blutroter Schrift, das alleine macht es schon zum Hingucker. Die gesichtslose Reihe Kinder darunter macht neugierig und wirkt auch ein bisschen unheimlich. Rundum stimmig also und genau mein Geschmack.

Fazit:  Ich muss zugeben, ich bin von “Die Kinder” ziemlich enttäuscht. Es ist kein Thriller, keine Horrorgeschichte, keine Fantasyerzählung, kein Umweltkrimi, sondern einfach nur ein unausgegorenes Gemisch aus allem. Es hat seine schaurigen und erschreckenden Momente, ohne Zweifel, reicht in dieser Hinsicht aber absolut nicht an andere Thriller von Wulf Dorn heran. Abgesehen davon , hat für mich hat Übersinnliches in einem Thriller nichts verloren. Ich habe bis zum Schluss auf eine Auflösung gehofft, die alles ohne übersinnlichen Einschlag erklärt. Stattdessen kam eine Auflösung, bei der ich mich schon fast für dumm verkauft gefühlt habe. Selten so etwas Unglaubwürdiges gelesen. Und so einfach gestrickt nach dem ganzen Hin und Her zuvor. Schade, so schade! Ich hatte mich so auf das Buch gefreut…


Titel: Die Kinder
Autor: Wulf Dorn
Seiten: 320
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 978-3453270947
Preis: € 16,99

Erwin, Enten, Präsidenten (Thomas Krüger)

In Versloh, der Gemeinde mit den Dörfern Bramschebeck und Pogge, steht die Wahl vor der Tür. Alle paar Jahre wieder wird Fritzwalter Kleinebregenträger hier zum Bürgermeister gewählt. Nie gab es einen Gegenkandidaten. Eines Morgens allerdings liegt Kleinebregenträger tot neben der Bundesstraße. War es Mord? Oder ein Unfall? Erwin Düsedieker, den man im Ort für trottelig hält, weil er mit seinen Enten spricht und in Gummistiefeln Spaziergänge unternimmt, macht sich so seine Gedanken. Und verstrickt sich unversehens in einen schmutzigen Wahlkampf.

Die Krimis um Erwin und seine Ermittlerenten geht in die vierte Runde und spielt dieses Mal wieder in Erwins Heimat, dem kleinen ostwestfälischen Dorf und maximal den umliegenden, kleineren Ortschaften. Für meinen Geschmack hat sich Erwin auf Oddinsee zwar sehr gut gemacht, aber an sich gehört er für mich doch eher genau in dieses verschlafene Nest.
Wobei es -mal wieder- ganz und gar nicht so verschlafen zugeht. Die Bürgermeisterwahl steht bevor und der bislang konkurrenzlose Bürgermeister liegt eines Morgens Gesicht nach unten am Straßenrand im Flüsschen Bramsche. Tot. Und wie der Zufall es will, ist Erwin an diesem Morgen ganz in der Nähe und bekommt so einiges mit. Und wird dort auch noch gesehen!
Die Suche nach dem Täter und seinem Motiv beginnt, und da Erwins Lebensgefährtin Lina als Bürgermeisterin kandidiert, ist das für ihn ganz besonders brisant, denn der Wahlkampf bringt so manch finstere Machenschaften ans Tageslicht. Es war schon erstaunlich zu lesen, welche Abgründe sich selbst in solch dörflicher Politik plötzlich auftun. Gleichzeitig zeigte es für mich auch auf, welcher Filz in solch kleinen Ortschaften herrschen kann. Es ist wirklich beachtlich, dass Erwin dabei den Überblick behält. Unter Anderem natürlich mit der Hilfe seiner Freunde, den Enten und seinen Büchern. Dabei ist auch hier wieder deutlich zu spüren, dass Erwin sich mausert. Er ist längst nicht mehr der “Dorftrottel” und so naiv wie zB noch zu Beginn von Band 1. Das hat mir -wie schon im vorigen Band- wieder richtig gut gefallen. Was habe ich gelacht über seinen Auftritt in der Konzerthalle. So cool! Und so ein schöner Beweis dafür, wie dusselig doch die vermeintliche High Society des Dorfes ist…
Es macht Spass, mit ihm gemeinsam zu knobeln. Verdächtige gibt es mehr als genug und immer wieder geschieht etwas, das den Mord und seineHintergründe wieder in anderem Licht erscheinen lässt. Kaum hat man einigermaßen sicher in eine Richtung gedacht, wendet sich das Blatt auch schon wieder. Das sorgt natürlich für Spannung. Und alle naselang habe ich mr nur gedacht: das darf doch wohl nicht wahr sein! So ein Kaff und so viele linke Bazillen! Ganz langsam dröselt sich nach und nach erst ein Bild davon auf, was da eigentlich vor der großen Wahl ablief und immer noch abläuft, und ein richtiges Bild ergibt sich tatsächlich erst zum Ende hin bei der Auflösung.
Spannend ist auch die Frage, ob es Lina tatsächlich ins Bürgermeisteramt schaffen wird. Die Vorstellung ist -angesichts ihren Alters- ja schon etwas schräg und eher abwegig, aber Bramschebeck traue ich inzwischen so einiges zu. Ihr Wahlkampf und die Vorbereitungen dazu sind sehr amüsant und teilweise ganz schön chaotisch, aber irgendwie habe ich es ihr die ganze Zeit von Herzen gegönnt. Dem Dorf hätte so eine Minirevolution schon gut zu Gesicht gestanden. Übrigens waren Linas Wahlkampfveranstaltungen mein ganz persönliches Highlight. Einerseits tat sie mir unglaublich leid, wie sie da vor Kneipen voller stark alkoholisierter Dörfler ihre Frau stehen muss, andererseits sind diese Situationen aber auch zum Totlachen komisch beschrieben. Rührend dagegen sind die Passagen, in denen Erwin alles dafür tut, dass Lina sich im Wahlkampf gut schlägt und sie unterstützt, wo er nur kann. Da spürt man richtig, wieviel sie ihm bedeutet, und das ist einfach nur schön.

Für diesen Band habe ich wieder etwas länger gebraucht als man es bei der Dicke des Buchs erwarten sollte. An Thomas Krügers etwas anderen Schreibstil habe ich mich inzwischen ganz gut gewöhnt und dank vieler Dialoge wirkte er hier nochmal aufgelockerter. Aber in den ganzen Namen musste ich mich doch erstmal zurechtfinden und hatte selbst zum Ende hin noch Probleme, einige von ihnen auf Anhieb richtig einzusortieren. Da musste ich manches Mal nochmal kurz überlegen, über wen ich gerade lese. Und das hielt ab und zu etwas auf.

Das Cover ist einmal mehr genial und mit dem kräftigen Gelb und dem witzigen Motiv ein echter Hingucker im Regal. So süß, die Ente da in der Ente! Die spielt übrigens in der Geschichte auch eine Rolle! In der vorderen Klappe der Broschur findet man eine Karte von Bramschebeck und dem Nachbardorf Pogge.

Fazit: Auch Band 4 der Reihe hat mir wieder sehr gut gefallen! Schön, dass Erwin und seine Freunde wieder zurück in der Heimat sind. Erwins neuer Fall ist ausgesprochen spannend und vielschichtig. Es ist schon erstaunlich, was -sobald es um Politik geht- selbst in so einem kleinen Nest los ist. Nicht mal vor Mord schreckt man dabei zurück und es braucht einiges an Geschick und Cleverness um sich durch den dörflichen Filz zu kämpfen, damt man dem Täter schlussendlich auf die Schliche kommen kann. Gut, dass Erwin beides hat. Gelacht habe ich auch wieder, speziell bei allem rund um Linas Wahlkampf. Einfach zu schön!


Titel: Erwin, Enten, Präsidenten
Autor: Thomas Krüger
Seiten: 400
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 978-3453419810
Preis: € 9,99

Erwin, Enten und Entsetzen (Thomas Krüger)

Erwin Düsediekers Freundin Lina Fiekens ist verschwunden. Sie wollte ihre Schwester auf der Insel Oddinsee besuchen. In den Zeitungen wird von einer unbekannten Toten berichtet. Erwin muss in den Norden, ans Meer, um sie zu finden. Selbstverständlich reist Erwin nicht ohne seine Laufenten Lothar und Lisbeth und deren Nachwuchs Alfred. Auf Oddinsee erleben sie eine Welt voller Mythen & Morde.

Trotz des schon recht unheilvollen Prologs wirkt im ersten Kapitel von “Erwin, Enten & Entsetzen” alles noch eher harmlos. Man erfährt, dass Lina ihre Schwester auf der Insel Oddinsee besuchen gefahren ist, dass Erwin daher -bis auf seine Enten- alleine zuhause ist und wie es dazu kam, dass Lina diese Reise unternahm. Erwin hatte dabei zwar von Anfang an kein gutes Gefühl, doch das schiebt man als Leser zum Großteil auch darauf, dass Erwins Welt bisher nicht über die Grenzen seines Dorfs hinausreichte.
Doch dann ist da die Anzeige in der Zeitung: auf der Insel hat es einen Mord gegeben. Der Mörder ist unbekannt, ebenso die Identität der Toten. Obwohl ich es mir nicht vorstellen konnte (und auch nicht wollte) kam mir da doch, gleichzeitig mit Erwin, als erstes Lina in den Kopf.
Dann geschieht etwas noch Unglaublicheres: gemeinsam mit den Enten, Arno und Hilde macht er sich auf den Weg nach Oddinsee. Das wirkt dann schon irgendwie ein bisschen schräg, zumal man Erwin bisher niemals anderswo als in Bramschebeck und umliegenden westfälischen Nestern erlebt hat. Allerdings zeigt es für mich auch, dass Erwin sich entwickelt, dass er wagemutiger wird und sich trotz vieler Widrigkeiten auch in der Fremde zurechtfindet. Mit kleineren Problemchen hier und da, aber doch mit offenem Sinn Neuem gegenüber. Das kommt in dieser Geschichte wirklich gut und deutlich rüber. Trotzdem bleibt Erwin aber auf der anderen Seite noch der liebenswerte, etwas einfältige Mensch, den ich seit seinem ersten Abenteuer ins Herz geschlossen habe.
Die Insel wird einerseits wirklich schön beschrieben, andererseits aber auch fremd und rätselhaft. Man kann sich von Anfang an vorstellen, dass sich hier Ungeheuerliches abspielen kann bzw bereits abgespielt hat. Dieser Eindruck entsteht vornehmlich dadurch, dass Erwin seine Entdeckungen immer wieder mit Texten aus seinen Büchern, aus Mythen und Legenden, in Verbindung bringt. Immer mal wieder sind beispielsweise Teile aus Homers Odysee eingestreut, die Lina und Erwin vor Linas Reise gelesen haben. Das sorgt für eine düstere Stimmung.
Allerdings gibt es auch ganz handfeste Vorfälle und Entdeckungen auf Oddinsee, die einen schaudern lassen. Der Mörder geht brutal vor und bei gewissen Funden, die Erwin macht, kann man sein Grauen nur allzu gut nachvollziehen. Dabei gerät er an einige unheimliche Orte, speziell zum Ende hin. Da habe ich ehrlich gestaunt, denn mit so etwas hatte ich nicht gerechnet.
Am Ende dann wächst Erwin wahrlich über sich hinaus, das hätte ich ihm nie zugetraut. Obwohl ich schon bemerkt habe, dass er sich zusehends mausert, sich immer mehr traut und gewitzter kombiniert, hat er mich hier doch so richtig beeindruckt. Dabei sieht es am Ende nicht gut für ihn aus, gar nicht! Da muss man tatsächlich um sein Leben bangen. Als hätte es noch nicht gereicht, dass man die ganze Zeit zuvor schon Angst um Lina hatte!
Immer an Erwins Seite ist natürlich auch wieder seine kleine Laufentenfamilie. Ihr Wesen und Verhalten ist ein wenig merkwürdig, wenn man sie als Mensch betrachtet, doch oft steckt hinter diesen Eigenarten dann doch mehr als man dachte. Ich finde es immer irgendwie beruhigend, wenn geschildert wird, wie die Enten durch ihr eher einfaches Leben gehen. Es ist eben ein kleiner Einblick in eine Welt, die von unserer ein ordentliches Stück entfernt ist. Über Entensohn Alfred habe ich wieder einige Male lachen müssen. Der Kleine bringt so richtig schön Schwung in die kleine Gesellschaft, die nach Oddinsee reist.

Wie gewohnt liest sich auch dieser Fall für Erwin, seine Freunde und die Enten nicht unbedingt zügig. Nicht mal, nachdem ich bereits zwei dieser Bücher gelesen habe. Der Schreibstil ist schon gewöhnungsbedürftig und speziell, darauf muss man sich einlassen können. Das bedeutet mitunter auch, dass man hier und da mal ein zweites oder drittes Mal über einen Satz oder Absatz nachdenken muss. Oder sie eben noch ein weiteres Mal lesen muss. Und daran bin ich bei der Reihe zum Glück schon sehr gut gewöhnt. Es macht auch irgendwo den Charme der Reihe aus und passt gut zu Erwins Gedankenwelt, die oft auch nicht die Einfachste ist.

Das Covermotiv ist einmal mehr gnadenlos niedlich mit den drei Enten, die da über den Bootsrand schauen. Dass das Boot auf den Namen Lina getauft wurde, macht deutlich, wer in dieser Geschichte eine wichtige Rolle spielt, um wen sich hier alles dreht. Darüber spannt sich ein herrlich blauer Himmel. Das Motiv hat aber auch etwas Einsames, Verlassenes an sich. In der vorderen Klappe der Broschur findet man eine Karte von Oddinsee mit Orten, die in der Geschichte erwähnt werden. Witzig ist die Form der Insel.

Fazit: Einmal mehr ein spannender und grausiger Fall für Erwin, seine Freunde und die Enten. Dieses Mal weit weg von Bramschbeck, was man speziell Erwin bislang kaum zugetraut hat. Mich hat es auch überrascht, aber es hat mir auch gefallen. Es zeigt nämlich, dass sich Erwin weiterentwickelt, dass mehr in ihm steckt als man bislang dachte und dass er auch anderswo als in seinem Dorf mutig und clever ermitteln kann. Düstere Szenen und schaurige Enteckungen sorgen ebenso für Spannung wie die stetige Angst um Lina. Das Ende hat mich wirklich überrascht und um Erwin bangen lassen. Rundum ein gelungenes Abenteuer für Erwin & Co.


Titel: Erwin, Enten und Entsetzen
Autor: Thomas Krüger
Seiten: 368
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 978-3453418769
Preis: € 9,99

Versunken (Sabine Thiesler)

versunkenMalte ist auf der Flucht. Er wird wegen Mordes gesucht, hat keine Papiere, kein Geld, kein Zuhause und keine Freunde. Im Hafen von Nizza lernt er durch Zufall Werner kennen, der mit seiner Luxusyacht im Mittelmeer Urlaub macht. Werner bietet ihm an, mit ihm zusammen nach Korsika überzusetzen. Sein Schiff ist ein Traum. Ein Traum, für den es sich zu töten lohnt.

Bei diesem Buch sprach mich wie so oft erst das Cover an. Der Klappentext klang ebenfalls ganz interessant, also habe ich mein Glück mit “Versunken” versucht.
Leider hat es meinen Geschmack nicht wirklich getroffen. Ich bin scheinbar mehr ein Fan von Krimis und Thrillern mit einem klassischen Verlauf. Einen Verlauf, in dem es einen Bösewicht gibt und die Polizei, die ihn jagt.
Das ist in “Versunken” allerdings nicht wirklich der Fall.
Natürlich, es gibt einen Bösewicht. Malte nämlich, der wegen Mordes gesucht wird und nach einem Streit mit einer mordlustigen Bande von dem Seelenverkäuferschiff fliehen muss, auf dem er bis dahin gearbeitet hat. Zunächt mochte ich Malte, fand ihn sympathisch und leid tat er mir auch. Ich hatte nach dem Klappentext noch nicht mal daran geglaubt, dass er tatsächlich einen Mord begangen haben soll. Ich ging davon aus, dass er irrtümlich unter Verdacht geraten ist.
Aber dann wendete sich das Blatt und war allen Ernstes richtig geplättet. Und im Nu war Malte bei mir unten durch und ich habe ihn nur noch verachtet. Solch eine Wendung macht sich in einem Thriller an sich immer gut, aber wenn sie dazu führt, dass ich mich noch seitenlang mit einer Figur beschäftigen muss, die bei mir nie mehr etwas würde gutmachen können, dann ist das weniger angenehm.
Natürlich mischt auch hier die Polizei mit, ganz ohne Frage. Genauer gesagt seind Maresciello Donato Neri und seine Kollegin Manuela Sentini mit dem Fall betraut. Mit Malte hat der für sie lange Zeit gar nichts zu tun. Sie finden eine Leiche, die angespült wird und haben zunächst alle Hände voll damit zu tun. Aber auch wenn das nun anders klingt: der Teil der Geschichte bei der Polizei nimmt den wohl geringsten Teil daran ein. Deshalb habe ich das Geschehen dort auch nicht als spannend empfunden. Es war für mich eher unterhaltsam, weil vieles aus Neris Privatleben erzählt wird. Richtige Ermittlungen gibt es im Verhältnis eher weniger. Da das für mich aber zu einem Thriller dazugehört, fand ich das enttäuschend. Und leider bin ich auch überhaupt nicht anfällig für Intalienisches (ausser dem Essen). Ich versinke nicht sofort in romantischer Andacht und Stimmung, nur weil mit itelienischen Begriffen um sich geworfen wird.
Statt der Polizeiarbeit mehr Raum zu geben, stellt Sabine Thiesler den anderen Figuren zur Verfügung. Beispielsweise Werner und Vivian, dem Pärchen mit der Yacht, dessen Wege sich bald mit denen von Malte kreuzen. Ich mochte die beiden wirklich gerne und war gerne bei ihnen zu Gast. Die ganze Zeit über hatte ich ein ungutes Gefühl und habe so gehofft, dass es mich täuscht. Das sorgte für Spannenung. Doch insgeheim wusste ich, dass es mich nicht täuscht. Sobald Malte auf der Bildfläche erschien, bestätigte es sich. Ich habe ihn dadurch noch mehr gehasst.
Einen weiteren großen Teil nimmt die Handlung bei den beiden jugendlichen Camperinnen Leonie und Hannah. Auch sie geraten über Umwege ins Schussfeld von Malte. Und nachdem ich nun wusste, dass er absolut kaltschnäuzig ist, habe ich mir schnell Sorgen um die beiden gemacht. Somit habe ich auch diesen Part als ganz spannend empfunden. Allerdings auch etwas nervig wegen der kindischen Streitereien zwischen den Mädchen.
Grundsätzlich fand ich es schon interessant und clever gemacht, wie alle diese Teile der Geschichte auf einander zulaufen, sich einige Male undramatisch berührten, sich aber später dann auf das Dramatischste kreuzen. Und jeden Teil für sich fand ich auch recht spannend. Aber im ganzen habe ich “Versunken” halt nicht als spannend empfunden. Ich meine, wenn man schon einen Mörder und die Polizei ins Rennen schickt, dann geht man als Leser doch davon aus, dass sich die Story auf die Jagd nach dem Killer konzentrieren und auch zu einem entsprechenden Ende kommen würde. Ich habe das wirklich bis zu den letzten Seiten erwartet und mich gegen Ende ehrlich gefragt, wie sich darin noch ein fulminantes Finale ereignen sollte. Eines, das nicht wie mit heißer Nadel gestrickt anfühlen würde.
Kurz und ungut: es gibt kein dramatisches Finale, in keiner Hinsicht. Stattdessen bekommt man recht spät noch einen Einblick in Maltes Kindheit und Jugend gewährt. Ich frage mich immer noch, wozu das eigentlich nötig war. Für seine Taten gibt es weder eine Erklärung, noch eine Entschuldigung, fertig! Ich bin nun mal kein Anhänger der These, dass eine versaute Jugend jemanden zu so einem Menschen macht.

Hätte ich mich zusammengerissen, hätte ich das Buch sicher innerhalb weniger Abende ausgelesen gehabt. Aber mir sagte halt einiges nicht zu. Geschrieben ist es sonst nämlich wirklich gut und entsprechend liest es sich leicht und flott. Die Wechsel zwischen den Schauplätzen und den Charakteren sorgen für Abwechslung und somit für zusätzliches Tempo.

Das Cover gefällt mir nachwievor. Es ist wunderbar düster und diese im Wasser verlaufende Schrift hat einfach etwas. Jedenfalls für mich kleinen Wasserangshasen.

Fazit:  Für sich sind alle Teile von “Versunken” spannend, aber im Ganzen habe ich ihn als überhaupt nicht spannend empfunden. Dafür hätte es für mich eine intensivere Jagd der Polizei auf Malte geben müssen, die vor allem auch mehr Raum in der Geschichte gebraucht hätte. So war der Part bei Neri für mich eher eine amüsante Familiengeschichte. Stattdessen musste ich Malte ständig ertragen, der bei mir nahezu von Anfang an total unten durch war. Ich bin wohl doch eher Fan von Thrillern und Krimis mit dem typischen Verlauf: Mörder begeht Mord, Polizei macht Jagd auf den Mörder. So interessant es zu verfolgen ist, wie die einzelnen Teile sich hier annnähern und kreuzen, aber mein Ding war es nicht.


Titel: Versunken
Autor: Sabine Thielser
Seiten: 496
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 978-3453268074
Preis: € 19,99 (TB)

© 2019 Frontier Theme