Psychopath

Tief im Wald und unter der Erde (Andreas Winkelmann)

tiefimwaldEine einsame Bahnschranke im Wald, dunkle Nacht. Seit an diesem Ort vier ihrer Freunde bei einem mysteriösen Unfall ums Leben kamen, wird Melanie von panischer Angst ergriffen, wenn sie hier nachts anhalten muss. Denn jedes Mal scheint es ihr, als krieche eine dunkle, schemenhafte Gestalt vom Waldrand auf ihren Wagen zu. Niemand glaubt ihr – bis die junge Jasmin Dreyer verschwindet, und ihr Fahrrad an der Bahnschranke gefunden wird.

Andreas Winkelmann gehört schon länger zu meinen Lieblingsthrillerautoren. Bei diesem Buch hatte ich anfangs allerdings das seltsame Gefühl, Kommissarin Nele Karminter bereits vorn irgendwoher zu kennen. Ich habe kurz nachgeschaut und sie in „Bleicher Tod“ gefunden, das ich vor Längerem gelesen habe. Irgendwie habe ich die Sache mit ihr also quasi von hinten aufgezäumt.
Das hatte aber widerum den Vorteil, dass ich sie nicht erst noch kennenlernen musste. Stattdessen habe ich sie im Laufe dieser Geschichte einfach nur noch besser kennengelernt. Es ist also kein Problem, wenn man in die Thriller mit ihr so quer einsteigt wie ich.
Das Buch beginnt mit einem Rückblick in das Jahr vor dem, in dem die eigentliche Handlung spielt. Schon dieser Rückblick lässt einen schaudern und sorgt für eine wohlige Gänsehaut. Ich fand ihn sogar etwas gruselig und war damit gleich gut eingestimmt auf den Rest der Geschichte.
Ich muss gestehen, dass ich Züge irgendwie auch unheimlich finde. Speziell, wenn es dunkel ist und diese Tonnen an Metall in unaufhaltsamem Tempo vorbeirauschen. Das habe ich bisher zum Glück nur in Bahnhöfen erlebt, aber an einer einsamen Bahnschranke, abends im dunklen Wald, muss das noch viel unheimlicher wirken. Entsprechend schauerlich fand ich hier die Szenen an der einsam gelegenen Bahnschranke.
Erschreckend regelmäßig und schnell hintereinander verschwinden an dieser Schranke junge Mädchen. Nele Karminter und ihr Team müssen herausfinden, wer dahinter steckt und wo sich die Mädchen befinden.
Ich fand diese Jagd nach dem Täter durchweg sehr spannend und habe ordentlich mitgefiebert. Dabei hat mir besonders gefallen, dass die Ermittlungen keineswegs immer wie am Schnürchen verlaufen. Lange haben sie gar keinen Anhaltspunkt, fischen praktisch im Trüben und obendrein sitzt ihnen noch die Chefetage im Nacken. Ich kann mir gut vorstellen, dass Polizeiarbeit in der Realität auch manches Mal so aussieht. Daher mag ich es einfach gerne, wenn Ermittler in Büchern keine Überflieger sind, die den Täter im Nu erwischen. Außerdem freundet man sich hier wirklich leicht mit Nele, ihrer Freundin Anou, dem Kollegen Tim usw an. Das macht es umso spannender, denn natürlich sorgt man sich vor allem um Figuren, die man mag.
Genauso gut hat mir der Schlupfwinkel des Täters gefallen. Solch eine Anlage ist irgendwo schon eine coole Vorstellung. Vielleicht ein wenig gruselig und sicher auch gefährlich, aber eben auch so cool, dass ich mich dort gerne mal genauer umschauen würde.
Der Täter selber dagegen hat nicht ganz meinen Geschmack getroffen. Natürlich ist er grausam, skrupellos und krank im Kopf, somit also absolut nach meinem Geschmack, aber mir fehlte das gewisse Etwas. Das, was ihn besonders macht und von anderen Psychopathen abhebt. Denn außer einer äußerlichen Eigenschaft gibt es keinen nennenswerten Unterschied zu seinen Kollegen. Und die sind schließlich genauso grausam, skrupellos und krank im Kopf. Andererseits sage ich mir, dass 2009 vielleicht noch nicht so viele Thriller in den Regalen der Buchhandlungen standen und entsprechend weniger Psychopathen dort unterwegs waren als heute. Das kann sein.
Ob man das Motiv bzw den Auslöser für seine Taten für überzeugend hält, das muss jeder für sich entscheiden. Ich habe ja etwas gegen diese Theorie mit der schlimmen Kindheit und finde sie nicht zwangsläufig überzeugend.
Übrigens musste ich ab und zu schmunzeln. Denn man navigiert in dieser Geschichte noch mit Landkarten! Und wenn man Infos über eine Gegend braucht, dann schmeißt man nicht kurz mal google an, sondern fragt bei Ortskundigen nach. Das ist irgendwie niedlich 😉

Das Buch liest sich prima und zügig weg. Andreas Winkelmann gehört für mich zu den Autoren, die beweisen, dass auch ein flüssiger und unterhaltsamer Schreibstil im Nullkommanix für Spannung und eine düstere Atmosphäre sorgen kann. Die Kapitel sind hier recht lang, zumal jedes von einem ganzen Tag erzählt. Das bedeutet aber auch, dass einen jedes ein ordentliches Stück voran bringt.

Bei dem Cover habe ich lange überlegt, ob mir der blutrote Fleck etwas sagen soll. Soll das eine Silhouette von irgendwas sein? Dann habe ich Andreas Winkelmanns „Hänschen klein“ daneben gelegt und beschlossen, dass es einfach nur ein blutroter Fleck und wohl ein „Markenzeichen“ seiner Thriller aus 2009 / 2010 ist. Das ist auch in Ordnung, Blutrot passt zu einem Thriller. Und ein Wald, wie er im oberen Teil des Motivs zu sehen ist, spielt in der Geschichte eine große Rolle.

Fazit:  Ein spannender Thriller, nach dem ich mich auf den kurzen Wegen in meiner dunklen Wohnung durchaus etwas unwohl gefühlt habe. So müssen solche Bücher bei mir wirken, dann mag ich sie. Außerdem fand ich es schön, Kommissarin Nele Karminter etwas besser kennenzulernen und konnte gut nachempfinden, unter welchem Druck sie und ihr Team bei den Ermittlungen stehen. Der Täter hätte für mich gerne etwas einzigartiger sein dürfen, abe 2009 tummelten sich vielleicht noch nicht so viele Psychopathen in den Bücherregalen, so dass dieser hier damals tatsächlich besonders grausig wirkte.


Titel: Tief im Wald und unter der Erde
Autor: Andreas Winkelmann
Seiten:408
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 978-3442469550
Preis: € 8,95 (TB)

Mindnapping (15) – Einsamer Anruf

Titel: Mindnapping (15) – Einsamer Anruf / Verlag: Audionarchie / Spielzeit: ca. 58 min / Sprecher: Anja Topf, Gabi Libbach, Michael von Rospatt, Martin Sabel ua

mindnapping15Inhalt: „Haben Sie Skrupel, Melanie? Dann sollten Sie sich überlegen, ob Sie nicht besser belegte Brötchen beim Stadtbäcker verkaufen sollten.“
„Ich kenne keine Skrupel, Viola. Ich dachte ja nur, dass es vielleicht besser wäre, wenn wir…“
„Wir arbeiten hier nicht im Kindergarten! Obwohl sich in unserer Kartei auch Liebhaber von Windeln und Schnullern herumtollen. Aber zu Demonstrationszwecken ist dieser ‚Gummi-Teddy‘ ein ideales Paradebeispiel menschlicher Abgründe und eine Vorschau auf das, was Sie hier erwartet. Erwarten kann…“


Nach dem Klappentext hatte ich bereits eine deutliche Ahnung, was mich in dieser Folge erwartet. Jedenfalls was die Rahmenhandlung bzw den hauptsächlichen Schauplatz anbetrifft. Damit lag ich dann auch völlig richtig. Das Thema Sex scheint jgerade recht beliebt im Hörspielbereich zu sein.
Wer Action sucht, der guckt bei „Einsamer Anruf“ allerdings bitterlich in die Röhre. Hier muss man damit leben können, dass die Dialoge im Mittelpunkt stehen. Das hat mich gar nicht gestört, denn die beiden Hauptsprecherinnen übertrumpfen sich quasi gegenseitig darin, den Hörer im Unklaren darüber zu lassen, wem weniger zu trauen ist. Irgendwie habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass eine von beiden plötzlich die Maske fallen lässt. Das sorgt für Spannung.
Die Gänsehaut steuert Melanies erster Kunde bei. Noch nicht einmal durch seine Phantasien -sowas ist Fans sicher schon mal in anderen (Psycho)thrillern untergekommen-, dafür aber umso mehr mit seiner Stimme und seinem Tonfall. Widerlich, mehr kann man dazu nicht sagen. Und was mag erst passieren, wenn ihm Melanie in die schwarz behandschuhten Finger gerät? Das mag man sich gar nicht auszumalen.
Der Dreh am Ende weiß zu überraschen, ist aber nicht unbedingt der Hammer, den ich erwartet hatte. Da ist man Komplexeres von der Serie gewöhnt. Trotzdem habe ich im ersten Moment ziemlich baff dagesessen und anschließend hämisch gegrinst. Ganz ehrlich, ich fand das so auch mal ganz schön. Eine Überraschung, die sich sofort zeigt, die man sich nicht erst aus dem vorigen Geschehen herleiten muss, oder für die man in die verquasten Gedanken eines Irren eintauchen muss.

Mit Anja Topfs Stimme konnte ich zunächst überhaupt nicht. Aber ich muss ihr zugute halten, dass sie sämtliche Tonlagen in petto hat. Die der finanziell nicht so gut dastehenden, jobsuchenden und anfangs eher zurückhaltende Studentin, die der Telefonistin mit ordentlich Erotik in der Stimme, die der panischen jungen Frau und abschließend noch…nein, das verrate ich hier mal nicht. Gabi Libbach habe ich dagegen sofort gerne gelauscht. Sie gibt eine sehr hochmütige und aalglatte Chefin, der ich keinen Meter über den Weg getraut habe. Und Michael von Rospatt schafft es mit wenigen Worten, dass man sich vor seiner Figur ekelt und fürchtet.

Die Untermalung hält sich bei dieser Episode dezent zurück. Sie trennt hauptsächlich die Szenen voneinander, wird aber nicht groß dafür eingesetzt, um der Spannung auf die Sprünge zu helfen. Mir hat es vor allem gefallen, wie gut die Anrufe des Verrückten in Szene gesetzt wurden. Mit diesem Telefonklang kommen seine Worte gleich nochmal bedrohlicher rüber.

Im Covermotiv vereinen sich gleich mehrere Elemente der Geschichte. Wobei ich den Vogel auf der Telefondrehscheibe besonders pfiffig finde. Schöne Idee. Trotzdem wird über die Handlung nichts weiter verraten. Mann kann allenfalls schließen, dass einen auf der CD nichts Gutes erwartet. So vom Handschuh und der Strick her.

Fazit:  Eine spannende Folge, die einen lange im Ungewissen lässt, wer was zu verbergen hat. Action sucht man hier allerdings vergebens, was mich aber nicht gestört hat. Die Auflösung lässt einen baff und hämisch zurück, ist aber nicht annähernd so komplex wie man es in anderen Episoden schon erlebt hat. Aber warum nicht, wo es doch genauso gut wirkt? Eben!

Phobia (Wulf Dorn)

phobiaEine Dezembernacht im Londoner Stadtteil Forest Hill. Sarah Bridgewater erwacht, als sie ihren Mann überraschend früh von einer Geschäftsreise nach Hause kommen hört. Doch der Mann, den sie in der Küche antrifft, ist nicht Stephen. Er trägt jedoch den Anzug ihres Mannes, hat dessen Koffer bei sich und ist mit Stephens Auto nach Hause gekommen. Der Fremde behauptet, Stephen zu sein, und weiß Dinge, die nur Sarahs Mann wissen kann.
Für Sarah und ihren sechsjährigen Sohn Harvey beginnt der schlimmste Alptraum ihres Lebens. Denn der Unbekannte verschwindet ebenso plötzlich wieder, wie er bei ihr aufgetaucht ist, und niemand will ihr glauben. Nur ihr Jugendfreund, der Psychiater Mark Behrendt, kann ihr jetzt noch helfen. Ein psychologisches Duell mit dem Unbekannten beginnt. Und von Stephen Bridgewater fehlt weiterhin jede Spur.

Wie hatte ich mich auf den neuen Roman von Wulf Dorn gefreut! Schon Tage vor der offiziellen VÖ bin ich durch Buchläden getigert in der leisen Hoffnung, dass es ein Händler mit diesem Datum nicht ganz so genau nehmen würde. Meine Hochachtung: alle in der Gegend hier haben sich daran gehalten!
Als ich es dann endlich in Händen hielt, wurde es natürlich sofort gelesen. Das Cover versprach schon eine schauerliche Geschichte und der Klappentext klang ebenfalls verheißungsvoll.
Die Grundidee ist auch wirklich klasse und erschreckend. Man stelle sich das mal vor: da kommt eines Tages ein völlig Fremder nach Hause, gibt sich für den eigenen Ehemann aus und nistet sich im Haus ein. Ich konnte mich in Sarahs Entsetzen und in ihre Angst wirklich gut hineinversetzen. Einen größeren Schrecken kann es wohl kaum geben.
Natürlich versucht Sarah, sich und ihren Sohn in Sicherheit zu bringen und herauszufinden, wer der Fremde ist, was er von ihr will, wieso er sich als ihr Ehemann ausgibt und wo ihr tatsächlicher Mann ist. Zusammen mit einem alten Freund – Mark Behrendt, Dorn-Fans kennen ihn bereits aus „Trigger“- macht sie sich daran, nach Antworten zu suchen. Aus dieser Suche zieht „Phobia“ den Großteil seiner Spannung. Wobei ich finde, dass die Geschichte nach dem starken Anfang deutlich an Spannung verliert. Darüber war ich ziemlich enttäuscht, das kenne ich von Wulf Dorns Büchern sonst nicht. Tatsächlich gibt es in „Phobia“ nur eine Szene, die ich so gruselig fand, dass ich nach dem Lesen ungern durch die halbdunkle Wohnung geangen bin. Das ist im Vergleich äußerst wenig.
Dass ich „Phobia“ nicht durchweg nägelknabbernd spannend finde, liegt daran, dass man diesen Psychopathen nach und nach recht gut kennenlernt. Das hat mir den Schrecken vor ihm genommen, den er mir anfangs eingejagt hat. Ich hatte dann darauf gebaut, dass seine Motivation für sein Tun schauderhaft sein würde. War sie aber leider nicht, und sonderlich innovativ genauso wenig. Außerdem nahm mir dieses Kennenlernen des Täters die letzte Hoffnung darauf, mit Sarahs Geisteszustand könnte etwas nicht stimmen. So etwas trifft man in Wulf Dorns Büchern ja sonst ganz gerne mal an. Ich liebe sowas und hatte sehr darauf gehofft, es in „Phobia“ wieder anzutreffen.
Wie um den wenig spannenden Mittelteil irgendwie auszugleichen, kommt die Auflösung mit einem Szenario daher, das vor Grauen, Blut und sonstigen Körperflüssigkeiten trieft. Dagegen habe ich regulär nichts einwenden, nur kenne ich von Wulf Dorn gewitztere Enden, bei denen man gut mitdenken muss und die einen überraschen, statt zu ekeln. Erst auf den letzten Seiten hat mich „Phobia“ an zwei Stellen daran erinnern, aber das war mir doch zu wenig. Das Ende des nächsten Thrillers darf meinetwegen wieder mehr Köpfchen haben, statt so roh daherzukommen.
Zuletzt wundere ich mich noch darüber, dass „Phobia“ in London spielt. So viele Autoren haben bisher bewiesen, dass Thriller sehr gut in Deutschland spielen können. Wulf Dorn ist für mich da in vorderste Reihe mit dabei! Warum dann dieser Ausflug?

Eines ist aber auch bei „Phobia“ wieder so, wie ich es von Dorns vorigen Büchern kenne: es liest sich wie geschnitten Brot. So ging es auch ganz zügig durch die Mitte, die mich nicht so recht fesseln konnte. Wäre die obendrein noch umständlich geschrieben und mühsam zu lesen gewesen, dann hätte ich wohl irgendwann die Segel gestrichen oder den einen oder anderen Absatz übersprungen. Die Kapitel sind wahre Häppchen, da flitzt man als geübter Leser nur so hindurch.

Das Cover fand ich schon beim ersten Sehen toll! Puppen sind eh nicht unbedingt Meins, solch altmodische Puppen schon mal gar nicht. Und mit den Verunstaltungen und leeren, finsteren Augenhöhlen sieht sie ganz schön gruselig aus.

Fazit:  Die Idee der Geschichte finde ich immer noch toll und sie lässt sich so wirklich gut an! Dadurch, dass man den Psychopathen aber bald recht gut kennenlernt, ließ die Spannung bei mir aber schnell nach. Und seine Gründe dafür, dass er sich als Sarahs Ehemann in’s Haus einschleicht, fand ich weder erschreckend, noch neuartig. Das Finale war mir zu brutal, zu roh, jedenfalls wenn man die gewieften Enden von Wulf Dorns übrigen Romanen kennt. Daran konnten auch zwei Fingerzeige ganz zum Schluss nichs ändern.


Titel: Phobia
Autor: Wulf Dorn
Seiten: 400
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 978-3453267336
Preis: € 19,99

Spiel des Lebens (Veit Etzold)

Willkommen im Spiel des Lebens, Emily. Du hast die Wahl. Sieg oder Tod, liest Emily völlig fassungslos auf dem zerknüllten Zettel in ihrer Hand, und damit geht der Horror los. Ein Psychopath jagt sie durch ganz London und stellt sie vor unbegreifliche Rätsel. Falls sie diese nicht in der vorgegebenen Zeit löst, gibt es einen Toten. Der Killer treibt Emily an den Rand des Wahnsinns. Wer ist dieser Irre? Und warum hat er ausgerechnet sie für sein mörderisches Spiel ausgewählt?

Vor einiger Zeit habe ich von Veit Etzold seinen Thriller „Final Cut“ gelesen, der mir leider nicht so gut gefallen hat wie ich es erwartet hatte. Deshalb war ich sofort neugierig auf „Spiel des Lebens“. Denn Jugendthriller liegen mir meist eher und die Geschichte klang ebenfalls ganz interessant. Wenn auch nicht ganz neu. Ich komme nicht auf den Titel, aber ich meine, es gibt einen Film, in dem ein Mann durch eine Stadt gehetzt wird, telefonisch immer neue Aufgaben gestellt bekommt und wo ebenfalls etwas Schlimmes geschieht, wenn er sie nicht löst…
Wie dem auch sei, mein Interesse an „Spiel des Lebens“ war trotzdem geweckt. Der Einstieg in die Geschichte ist mir sehr leicht gefallen. Mit Emily wurde ich schnell warm und ich konnte ihre Aufregung am ersten Tag im College gut nachempfinden. Auch ihre Freundin Julia mochte ich mit ihrer burschikosen Art und der großen Klappe sofort, und Ryan war mir ebenfalls sofort sympathisch. Bei ihm hätte ich mir nur gewünscht, dass auf ihn etwas mehr eingegangen worden wäre. Auch wenn er nett ist und gut aussieht, vom Charakter her erschien er mir etwas zu flach.
Kaum haben die drei Freunde allerdings ihre Collegezeit angetreten, da erhält Emily die bedrohliche Nachricht mit dem Willkommensgruß im „Spiel des Lebens“.
Von nun an hat Emily keine Ruhe mehr und auch als Leser kommt man nur ganz selten dazu, mal ruhig und entspannt durchzuatmen. Der Verrückte hält stets neue Rätsel für Emily bereit, demonstriert ihr, was geschieht, wenn sie eines nicht löst, und scheucht sie so quer durch London. Mir hat es dabei gefallen, dass diese Rätsel keine „Kinkerlitzchen“ sind, die man im Nullkommenichts löst. Hier ist schon Köpfchen gefragt und ich war -zugegeben- bei den ersten Rätseln schlicht aufgeschmissen. Weniger gut fand ich dagegen, dass einige Rätsel auf Englisch sind. Mir ist klar, dass die deutsche Übersetzung längst nicht so wirkungsvoll gewesen wäre, aber ich habe neun Jahre Englischunterricht hinter mir und kannte einige Vokabeln gar nicht, so dass ich nachschlagen musste. Das hat mich dann doch etwas aus der Geschichte herausgebracht, was ich schade fand. Gut, bei einer so temporeichen Story fällt der Neueinstieg nicht schwer, aber trotzdem! Und wie werden die Teenager dann damit klar kommen, für die das Buch empfohlen wird?
Da ich England und London sehr mag, hat es mich gefreut, wie anschaulich Veit Etzold die Stadt beschreibt. Egal, wohin der Verrückte Emily hetzt, ich konnte mir die Szenerie immer gut vorstellen. Und es gibt nun ein paar Orte, die ich mir gerne mal ansehen würde, sollte ich mal wieder nach London kommen. Wenn auch vielleicht nicht gerade die Londoner „Unterwelt“. So wunderbar bedrohlich und düster sie beschrieben wird, vor ihren Bewohnern würde ich mich wohl gut gruseln. Auch im Buch haben die Szenen mit den „Squattern“ bei mir für manche Gänsehaut gesorgt.
Sonst hätte ich mir hier und da doch etwas mehr Atmosphäre gewünscht. Ich habe nach dem Lesen eine ganze Zeitlang überlegt, woran es mir bei diesem Buch gefehlt hat. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mir etwas fehlte. Spannung konnte es nicht sein, denn spannend ist die Story. Sie hat Tempo und ist sehr clever erdacht. Bleibt also nur die Atmosphäre. So Szenen wie Emilys Gefangenschaft im Keller oder auch ihre unheimlichen Träume hätten für mich gerne noch eine Spur eindringlicher erzählt sein können.
Da neben Emily und Julia nur wenige Charaktere mitwirken, lädt die Geschichte dazu ein, sich selbst auf die gedankliche „Suche“ nach dem Irren zu machen und über ein mögliches Motiv nachzudenken. Dass es ein komplett Außenstehender ist, hatte ich schnell ausgeschlossen. Dafür steht er ganz offensichtlich zu eng mit ihr in Verbindung. Doch mein Verdacht hat sich ein paar Mal geändert, und derjenige welche, der es dann ist, war meine letzte Vermutung. Dafür hatte ich mir das Motiv so ähnlich bereits vorgestellt. Die Geschichte leitet einen also gerne mal in die Irre, aber nach und nach kann man den Täter und sein Motiv trotzdem schlussfolgern.

Die Handlung erstreckt sich über gerade mal neun Tage, die nochmal in einzelne Kapitel unterteilt sind. Die Kapitel sind nicht sehr lang und zwischendrin gibt es immer wieder „Einschübe“ aus Sicht des Verrückten. So liest sich das Buch recht zügig und abwechslunsgreich.

Mir gefallen die violetten Lichtspiele auf dem Cover sehr gut, und der Bildausschnitt mit Emily als Scherenschnittgestalt in einem U-Bahn-Gang passt prima zur Geschichte. Am coolsten finde ich aber die Skyline von London, die auf dem Schnitt aufgedruckt ist. Das hat was! Auch wenn ich beim Lesen manchmal dachte, am Rand der Seite wären irgendwelche Fussel. Denn auf einer Seitenkante ist der Bildausschnitt ja kaum mehr als ein Schatten.

Fazit: Dieses Buch von Egmont Ink hat mich zwar nicht die Nächte durchlesen lassen, aber ich habe zumindest zwei Abende bis in die Nacht hinein daran gelesen. Ein wirklich spannender und temporeicher Jugendthriller mit Köpfchen! Ich würde mich freuen, wenn es von Veit Etzold nochmal wieder einen Jugendthriller geben würde. Nach dem Ende dieses Buches stehen die Chancen da gar nicht so schlecht, denke ich 😉

Diese Rezension entstand im Rahmen des Amazon Vine Produkttesterprogramms.


Titel: Spiel des Lebens
Autor: Veit Etzold
Seiten: 352
Verlag: Egmont Ink
ISBN: 978-3863960483
Preis: 14,99 (Broschiert)

Ich bin der Herr deiner Angst (Stephan M. Rother)

«In unserem Job bekommt man eine Menge Tote zu sehen. Das Bild aber, das sich uns hinter der Tür im ‹Fleurs du Mal› bot, wird mich bis an das Ende meines Lebens begleiten. Viele unserer Leichen sehen so aus, als würden sie schlafen. Das war hier nicht der Fall.» Ein in jeder Hinsicht verstörender Mord führt die Ermittler Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs ins Hamburger Rotlichtviertel: Das Opfer war ein Kollege, und es wird nicht das letzte sein. Die Taten nehmen an Grausamkeit zu. Und alle haben sie mit den dunkelsten Geheimnissen der Opfer zu tun, ihrer größten Angst. Irgendwann keimt in Albrecht eine Erinnerung: Der Traumfänger-Fall. Seit dreißig Jahren schlummert er in den Akten. Seit dreißig Jahren sitzt der Täter in der Psychiatrie. Wie es scheint, hat der Alptraum gerade erst begonnen.

Bislang kannte ich von Stephan M. Rother nur Band 1 seiner „Dorian Grave“-Reihe, die mir damals gut gefallen hatte. Deshalb und weil ich im Moment Krimi- und Thrillerfan bin, war ich nun auf „Ich bin der Herr deiner Angst“ neugierig. Es ist aber -wie sich bald rausstellte- eine Geschichte mit Licht und Schatten.
Wobei mir die Geschichte an sich gefallen hat. In erster Linie deshalb, weil die Morde kreativ erdacht sind. Für einen Thriller angemessen hart und eindeutig nicht „von der Stange“.  Auch der Verlauf ist gut konstruiert, schlüssig und überschaubar. Ich ging davon aus, dieses Buch besonders konzentriert lesen zu müssen. Denn ich erwartet,  dass mir eine komplexe Handlung und eine Fülle an Charakteren geboten würde. Bei der Dicke des Buches kann man darauf leicht schließen.
So war es glücklicherweise nicht, was kein Kritikpunkt ist! Ich finde kaum etwas schlimmer als wenn ich schon nach wenigen Kapiteln bei der Geschichte nicht mehr durchsteige, oder immer wieder zurückblättern muss um nachzusehen, wer die und die Person noch mal war. Das war hier nicht der Fall. Speziell die beiden Ermittler Jörg Albrecht und Hannah Friedrich hatte ich mir schnell zu eigen gemacht. Genauso schnell hatte ich auch einen Favoriten, nämlich Hannah Friedrich.
Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt. Aus der von Hannah und aus der von Jörg. Das wechselt sich ab. Mal schildern beide die gleiche Situation bzw Teile einer Situation, aber praktisch ist es natürlich auch, wenn sie getrennt ermitteln. Hannahs Parts sind dabei in der Ich-Perspektive erzählt. Ihrem Wesen entsprechend clever, aber auch recht locker und mit einer Prise Humor. Klar, dass ihre Passagen und damit auch sie mein „Liebling“ wurde.
Jörgs Passagen dagegen sind nicht in der Ich-Form erzählt, auch wenn sie Einblicke in seine Gedanken gewähren. Im direkten Vergleich zu Hannah waren sie mir oft zu trocken. Auch mit seiner Denkweise kam ich häufig nicht klar, was ich darauf schiebe, dass Stephan M. Rothers Schreibstil in diesen Passagen auf mich nicht rund wirkte. Kurze, abgehackte Sätze, die oft mit einem Punkt enden, obwohl der Gedanke dahinter noch gar nicht abgeschlossen ist.
Und ganz ehrlich: ich hätte auch so geglaubt, dass Jörg gebildet und intelligent ist. Auch ohne, dass er mit schöner Regelmäßigkeit Sokrates zitiert und / oder mit lateinischen Aussprüchen genau dies unter Beweis stellen will.
Jedenfalls sind es so in erster Linie Jörgs Passagen, die den meisten „Füllstoff“ an der Geschichte ausmachen. Wenn ich mir die wichtigsten Stationen der Ermittlungen vor Augen rufe, dann habe ich die zügig zusammen. So viele sind es nämlich nicht. Es gibt nur viel „Füllstoff“ dazwischen. In erster Linie Jörgs Gedankenwelt, die mir oft zu ausführlich beschrieben wurde.
Das bremst leider die Spannung aus und sorgt für Längen.
Bei Jörgs Intelligenz und vielgerühmter Intuition ist es umso erstaunlicher, dass ihm nicht viel früher klar wird, zu welchem Fall der jetzige Parallelen aufweist. Immerhin ist dieser -der Traumfänger-Fall- offenbar DER Fall im Kommissariat gewesen. Er wird auch häufig erwähnt, so dass man als Leser bereits einen Verdacht hegt, noch ehe die Damen und Herren Kommissare in die Richtung denken. Das fand ich seltsam und nicht besonders glaubwürdig.
Die Auflösung, die Antwort auf die Frage, wer der Täter ist, hat mich überrascht. Darauf wäre ich so schnell nicht gekommen. Als große Hilfe bei der Auflösung erweist sich ausgerechnet der Psychopath, der für die Morde aus dem Traumfänger-Fall verantwortlich war. Auch er mauserte sich schnell zu einem meiner Favoriten unter den Charakteren. Ich mag nämlich lieber die intelligenten, feinen und seriösen Irren, als die offensichtlich verrückten 😉

Hannahs Passagen lesen sich schnell und leicht, Jörgs dagegen deutlich langsamer. Zudem musste ich mich auf sein Denken wirklich bewusst einlassen. Ich habe es nicht getan, aber ich behaupte, bei seinen Passagen könnte man auch manchen Abschnitt überspringen, ohne dass man den Anschluss verlieren würde.  Für meine Verhältnisse habe ich entsprechend lang für dieses Buch gebraucht. Hinzu kommt noch, dass die Kapitel sehr lang sind. Wenn man dieses Buch kapitelweise vor dem Einschlafen lesen möchte, sollte man ruhig etwas früher zu Bett gehen.

Das Buch fällt im Regal auf. Der Titelschriftzug ist schließlich groß genug und mit der kräftigen Farbe wirkungsvoll vor dem dunklen Hintergrund. Schön ist, dass die Cover innen ebenfalls gestaltet sind. Mit dem gleichen Hintergrund wie das Frontcover, vorne mit einer kurzen Vita des Autoren, hinten mit einem Foto von ihm.

Fazit:  Der Fall für Jörg und Hannah geht in Ordnung und Thriller-Fans dürften sich davon recht gut unterhalten fühlen. Der eine mehr, der andere weniger. Das von mir erwartet Highlight war „Ich bin der Herr deiner Angst“ aber nicht. Das Buch könnte einige Seiten dünner sein, ohne dass es der Story an etwas fehlen würde. Für meinen Geschmack gibt es eine Menge Passagen, die nicht unbedingt notwendig für den Fall sind. Jedenfalls nicht in solcher Ausführlichkeit. Die nimmt leider oft Spannung und Tempo aus der Geschichte und so schleichen sich immer mal wieder Längen ein.


Titel: Ich bin der der Herr deiner Angst
Autor: Stephan M. Rother
Seiten: 576
Verlag: Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3499258695
Preis: € 9,9 (TB)

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