Psychothriller

Die Flut (Arno Strobel)

Die Flut (Arno Strobel)Zwei Pärchen machen Urlaub auf Amrum. In dieser Zeit geschehen grausame Morde. Ein Superintelligenter ist am Werk, um nicht nur den perfekten Mord, sondern die „perfekte Mordserie“ zu begehen. Er entführt Paare und vergräbt nachts bei Ebbe die Frau bis zum Hals im Sand. Den Mann bindet er an einen Pfahl in der Nähe fest, so dass er dabei zusehen muss, wenn seine Frau bei Flut langsam ertrinkt.
Die beschauliche Insel Amrum hat er sich ausgesucht, weil dort normalerweise nie etwas passiert und ihm die entsprechenden Schlagzeilen sicher sind. Das ist es, was er möchte. Die ganze Welt soll erfahren, wie clever er ist.

Es war bei mir schon immer so, dass Arno Strobels Psychothriller ein stetiges Auf und Ab waren. Einer richtig gut, dann einer nicht so dolle, dann wieder ein echter Hammer, dann wieder ein Schwächerer.
Entsprechend war ich natürlich neugierig auf „Die Flut“, denn trotz allem ist Arno Strobel ein Autor, von dem ich jedes Buch lesen möchte. Der Klappentext klang ja schon mal ganz nach meinem Geschmack.
Und damit hat er mir nicht zu viel versprochen!
Ich liebe solche super intelligenten Killer. Und je kranker ihre Mordmethoden, desto begeisterter bin ich. Da ich außerdem ein ziemlicher Wasserangsthase bin, habe ich die Idee dieses Mörders hier als besonders grausig empfunden. Und auch wenn es mich dabei so richtig schaudert und gruselt, ich liebe das! Das ist genau das, was ein (Psycho)thriller bei mir schaffen muss, damit er mir so richtig gut gefällt. Somit hatte „Die Flut“ bei mir schon mal direkt einen Stein im Brett.
Ferner gefiel mir die recht überschaubare Anzahl an wichtigen Figuren. Das hält mir eine Geschichte so manches Mal schön übersichtlich. Ich mag es gar nicht, wenn ich mich immer wieder fragen muss, wer das denn nochmal ist, über den ich gerade lese. Das Problem hatte ich hier gar nicht. Die beiden Pärchen bestehen aus vier sehr verschiedenen Charakteren, wodurch man sie nochmal alle gut unterscheiden kann. Und wodurch sich mancher auch verdächtig macht.
Zunächst hatte ich aber so ziemlich jede andere Person im Verdacht, die auf der Bildfläche erschien. Arno Strobel schickt eine Figur nach der anderen ins Rennen, und jede einzelne ist gleich nochmal verdächtiger als die anderen. So kann man wirklich sehr gut mitknobeln, wer der Täter sein könnte. Das hat „Die Flut“ für mich wirklich sehr spannend gemacht. Später scheint es dann auch noch möglich, dass jemand bei den beiden Pärchen falsch spielt…ich habe bis zuletzt hin- und her überlegt.
Und wäre sicher niemals auf die Idee gekommen, die die Auflösung dann präsentiert. Mir stand da wirklich vor Staunen der Mund offen. Auch das macht für mich einen guten (Psycho)thriller aus: wenn ich am Ende eine echte Überraschung geboten bekomme. Das hat „Die Flut“ absolut hinbekommen.
Lobenswert ist ebenfalls, dass hier das Inselflair und eine gewisse Urlaubsstimmung sehr gut rüberkommen. Ich habe mich manches Mal an den Strand von Amrum versetzt gefühlt und nun auch Lust darauf, wieder einmal ans Meer zu fahren. Es muss keine Insel sein, aber eben an die See. Und weil ich weiß, wie schön es dort ist, fand ich es umso schlimmer, was in der Geschichte dort vor sich geht. Ich empfinde es immer als besonders schrecklich, wenn so etwas Grausiges an einem so schönen Ort geschieht, wohin die Menschen fahren um dort eine gute Zeit zu verbringen.
Falls sich nun jemand fragt, wieso ich das „Psycho“ bis hierher immer in Klammern gesetzt habe, das hat natürlich einen guten Grund. Nämlich, dass ich die Geschichte mehr als einen richtig guten Krimi -meinetwegen auch Thriller- empfunden habe, aber das gewisse Etwas, das für mich einen Psychothriller ausmacht, hat mir doch gefehlt. Die Auflösung war zwar eine echte Überraschung, aber doch zu geradlinig. Für einen Psychothriller hätte sie nicht so leicht nachvollziehbar sein dürfen. Das ist schwer zu erklären. Ich hoffe, irgendwer versteht es.

Ich hatte „Die Flut“ innerhalb von drei Abenden ausgelesen. So lange habe ich auch nur gebraucht, weil ich am nächsten Morgen zeitig raus musste und deshalb das Buch früh beiseite gelegt habe. Es liest sich nämlich eigentlich so gut, dass man es auch in einem Rutsch auslesen kann. Die Kapitel sind angenehm kurz, es gibt viele Dialoge und der Wechsel zwischen den Sichtweisen sorgt obendrein für Abwechslung.

Das Cover reiht sich nahtlos in die Reihe seiner Vorgänger ein. Thrillermäßig düster, mit einem großen Titelschriftzug in einer kontrastreichen Farbe, und darunter ein Bildausschnitt, der zur Handlung passt. Hier der Kopf der Frau, der tatsächlich so aussieht, als sein sie bis zum Hals eingegraben.

Fazit:  „Die Flut“ ist für mich ein rundum gelungener und durchweg sehr spannender Krimi, meinetwegen auch ein Thriller. Ein intelligenter Killer mit grausamen Mordmethoden, reichlich verdächtige Figuren und somit massig Gelegenheit, immer mal jemand anderen zu verdächtigen. Das hält die Spannung problemlos hoch. Die Auflösung hat mich außerdem wirklich überrascht. Aber ein Psychothriller war „Die Flut“ für mich nicht. Dafür fiel die Auflösung, so überraschend sie war, zu geradlinig aus.


Titel: Die Flut
Autor: Arno Strobel
Seiten: 368
Verlag: Fischer Verlage
ISBN: 978-3596198351
Preis: 9,99 (TB)

Tausend mal gedenk ich dein (Heike Eva Schmidt)

U1-Schmidt-Tausendmal.inddEigentlich läuft alles rund für Nelly. Mit Pina hat sie eine tolle beste Freundin an ihrer Seite, und als sie sich auch noch in Elias verliebt, den Jungen mit den dunklen Wuschelhaaren und den graublauen Augen, könnte ihr Glück perfekt sein. Doch dann werden in ihrer Klasse immer wieder Mitschüler in merkwürdige Unfälle verwickelt – und der Verdacht fällt ausgerechnet auf Nelly. Schon bald verwischen sich die Grenzen zwischen Gut und Böse. Und Nelly muss erkennen: Das Schlimmst ist manchmal gar nicht die Lüge – sondern die Wahrheit.

Von Heike Eva Schmidt habe ich schon zwei Jugendthriller gelesen und war überwiegend ganz angetan davon. Auch „Tausendmal gedenk ich dein“ passte vom Klappentext her ganz in mein Beuteschema.
Trotzdem hat es mir die Geschichte alles andere als einfach gemacht.
In erster Linie, weil mir Nelly mit ihrer Verehrung für Pina tierisch auf den Keks ging. Eine beste Freundin zu haben, das ist normal. Meinetwegen bewundert man sie hier und da auch mal, auch okay. Aber diese Anhimmelei habe ich teilweise schon als unnormal empfunden. Vor allem, weil seits Pina längst nicht so viel Zuneigung und Freundschaft rüberkommt. Ganz im Gegenteil fand ich sie oft reichlich unverschämt, frech und launisch, selbst ihrer angeblich besten Freundin Nelly gegenüber.
Sonst mochte ich Nelly ganz gerne. Wenn sie nicht gerade mit Pina zusammen ist oder von etwas anderem erzählt, dann ist sie wirklich sympathisch. Ich mal solche ganz normalen Mädchen als Hauptfiguren gerne, denn mit ihnen kann man sich leicht identifizieren und sich in sie hineinversetzen. Entsprechend habe ich ihr Elias von Herzen gegönnt und fand die beiden zusammen wirklich goldig. Das einzige, was ich an Nelly nicht nachvollziehen konnte, war ihr Glaube, dass sie in der Klasse eher zu den Außenseitern gehört. Das kam für mich überhaupt nicht so rüber.
Die vierte wichtige Person in dieser Geschichte ist die schüchterne Jule, die neu in Nellys Klasse kommt und ein Geheimnis mit sich herumzutragen scheint. Leider fand ich sie im Zusammenhang mit den Unfällen überhaupt nicht verdächtig. Der Geschichte ist es nicht ein einziges Mal gelungen, mir Jule als Täter glaubhaft zu machen. Somit blieben mir als Verdächtige nur noch Pina und Elias, wovon ich Elias recht schnell ausgeschlossen habe. Auch er verhält sich nie übermäßig verdächtig. Nelly schied für mich sowieso aus. Entsprechend sorgte für mich lediglich die Frage für Spannung, ob Pina dahinterstecken könnte. Das fand ich recht dürftig für einen Thriller. Und hinzu kam noch, dass ich auch die Unfälle nicht als so dramatisch geschildert empfunden habe, dass von daher Spannung hätte aufkommen können.
Ich war also insgesamt schon nahe dran zu behaupten, dass meine Strähne mit den schwachen Büchern sich im Juni fortsetzen würde.
Aber dann!
An einer bestimmten Stelle schon nahe am Ende dachte ich plötzlich, ich lese nicht richtig. Aber solch einen Fehler traue ich keiner Autorin wie Heike Eva Schmidt zu. Also musste das so stimmen. Aber zum Kuckuck: wieso? Was hatte ich verpasst?
Und ab diesem Punkt habe ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen können. Dieser Moment warf ein so neues Licht auf die Handlung, dass ich plötzlich unbedingt wissen wollte, was es damit auf sich hat.
Und was soll ich sagen? Die Auflösung war zu 100 Prozent nach meinem Geschmack. Wer schon ein paar Psychothrillerrezensionen von mir gelesen hat, der wird wissen, was ich darin als Idee immer ganz besonders cool finde. Allen anderen sei einfach gesagt, dass es ein genialer und erschreckender Dreh ist. So gehört sich das in diesem Genre! Endlich ergab es auch Sinn, wieso die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Das hatte ich bis dahin nämlich überhaupt nicht verstanden, was der Geschichte einen weiteren Minuspunkt einbrachte. Aber dann, bei diesem Ende, da ergibt das plötzlich Sinn!

Gerade wegen dieser Wechsel in der Erzählperspektive hat sich das Buch für mich sehr leicht lesen lassen. Die Kapitel haben auch eine schöne Länge, da wird man schnell verleitet, doch noch eines mehr zu lesen als geplant. Nelly erzählt jugendlich locker und es gibt viele Dialoge, die einen flugs voranbringen.

Ich mag das kräftige Grün des Covers sehr gerne! Eine wirklich schöne und auch auffällige Farbe. Was es im Zusammenhang mit der Geschichte mit der Blume auf sich hat, verstehe ich auch nach dem Lesen noch nicht. Trotzdem, insgesamt gefällt mir der Look gut.

Fazit: Wie sehr Nelly ihre Freundin Pina anhimmelt, das ging mir lange Zeit ganz schön auf die Nerven. Außerdem wollte durch die Unfälle und arg wenig wirklich Verdächtige auch keine rechte Spannung aufkommen. Das änderte sich erst sehr weit zum Ende hin als ein Satz plötzlich alles umkrempelte, woran ich bis dahin geglaubt hatte. Ab da wurde es richtig spannend und die Auflösung fiel ganz nach meinem Geschmack aus.


Titel: Tausend mal gedenk ich dein
Autor: Heike Eva Schmidt
Seiten: 256
Verlag: Bastei Lübbe / Boje
ISBN: 978-3414824059
Preis: 12,99 (HC)

Der Nachtwandler (Sebastian Fitzek / Simon Jäger)

Titel: Der Nachtwandler / Verlag: Lübbe Audio / Spielzeit: ca. 297 min / Buch: Sebastian Fitzek / gelesen von: Simon Jäger

nachtwandlerInhalt: Wer bin ich, wenn ich schlafe? In seiner Jugend litt Leon Nader an Schlafstörungen. Als Schlafwandler wurde er während seiner nächtlichen Ausflüge sogar gewalttätig und deswegen psychiatrisch behandelt. Eigentlich glaubte er geheilt zu sein – doch eines Tages, Jahre später, verschwindet Leons Frau unter unerklärlichen Umständen aus der gemeinsamen Wohnung. Ist seine Krankheit etwa wieder ausgebrochen? Um zu erfahren, wie er sich im Schlaf verhält, befestigt Leon eine bewegungsaktive Kamera an seiner Stirn. Als er sich am nächsten Morgen das Video ansieht, macht er eine Entdeckung, die die Grenzen seiner Vorstellungskraft sprengt: Sein nächtliches Ich steigt durch eine ihm völlig unbekannte Tür hinab in die Dunkelheit.


Nachdem mir das Buch „Der Nachtwandler“ so gut gefallen hat, wollte ich unbeding wissen, wie die Geschichte als Hörbuch wirkt. Das hat inhaltlich daran natürlich nichts geändert. Und auch beim zweiten Mal war ich innerhalb von Minuten gebannt von der Geschichte, die sofort mit einer schauerlichen Szene in die Vollen geht. Da kann man gar nicht anders als das Hörbuch durchzuhören. Mich begeistert seit je her das Thema Schlaf, und alles was noch dazu gehört wie zB Träume. Und so ist diese Geschichte, bei der man kaum unterscheiden kann, was Traum und Realität ist, genau nach meinem Geschmack. Ich habe Leon gerne bei seinem Abenteuer, bei seinen Nachforschungen begleitet. Die Geschichte ist von der ersten bis zur letzten Minute spannend, und mir wollte und wollte lange nicht klar werden, wie das Geschehen jemals zu einem sinnigen Ende finden würde. Dazu geht es oft zu krass, ja geradezu surrealistisch zu. Durch dieses Hin und Her zwischen Wachsein und Traum kann man sich seiner eigenen Vermutungen -die ich schnell angestellt habe- niemals sicher sein, und so musste das Ende einfach mit einer großen Überraschung daherkommen. Und das tut es! Einer Überraschung, die zwar nicht wirklich neuartig ist, aber mich zumindest immer wieder begeistert. Ich stelle mir einfach zu gerne vor, wie es wäre, wenn jemand so etwas tatsächlich mal ausprobieren würde. Für die gesamte Geschichte gilt aber eines ganz sicher: man muss bei der Sache bleiben, sonst verfranst man sich zwischen Traum und Realität, und dann ist man speziell am Ende verloren. Auch wenn man die Auflösung anschließend noch einmal en detail vorgesetzt bekommt. „Der Nachtwandler“ ist kein Hörbuch für nebenbei!

Simon Jäger ist einfach die Stimme für die Hörbücher zu Sebastian Fitzeks Büchern. Ich könnte mir auch keinen anderen oder besseren Sprecher dafür vorstellen. Er bringt die Spannung der Geschichte wunderbar rüber und verpasst ihr -in meinen Ohren- sogar noch einen zusätzlichen Schliff. Und da er außerdem sehr eindringlich liest, ist es ganz unmöglich sich dem Bann der Erzählung zu entziehen.

Das Cover gibt -ohne die Geschichte zu kennen- nicht viel davon preis. Mir gefällt es trotzdem, denn es ist für einen  Psychothriller angemessen dunkel. Und ganz automatisch fragt man sich, wieso da jemand mit einer Lampe in der Düsternis herumläuft. Leider hat man es versäumt, dem Digipak die Außenseite des Buches zu verpassen, obwohl das auch hier gegangen wäre. Somit fehlt ein Element, das unweigerlich neugierig auf die Geschichte macht. Schade.

Fazit:  Eine super spannende Geschichte, die einen vom ersten Moment an packt und nicht mehr loslässt. Was ist Traum, was ist Realität? Das kann man hier unmöglich genau sagen. Aber es macht Spass, genau das zu versuchen, Vermutungen anzustellen und sich zu fragen, wie die Geschichte nur jemals sinnig enden könnte. Ein tolles Verwirrspiel mit einem überraschenden Ende.

Der Nachtwandler (Sebastian Fitzek)

nachtwandlerIn seiner Jugend litt Leon Nader an Schlafstörungen. Als Schlafwandler wurde er während seiner nächtlichen Ausflüge sogar gewalttätig und deswegen psychiatrisch behandelt. Eigentlich glaubte er geheilt zu sein – doch eines Tages, Jahre später, verschwindet Leons Frau unter unerklärlichen Umständen aus der gemeinsamen Wohnung. Ist seine Krankheit etwa wieder ausgebrochen? Um zu erfahren, wie er sich im Schlaf verhält, befestigt Leon eine bewegungsaktive Kamera an seiner Stirn – und als er am nächsten Morgen das Video ansieht, macht er eine Entdeckung, die die Grenzen seiner Vorstellungskraft sprengt: Sein nächtliches Ich steigt durch eine ihm völlig unbekannte Tür hinab in die Dunkelheit.

Auf dieses Buch von Sebastian Fitzek hatte ich mich noch einen Tacken mehr gefreut als sonst schon auf jedes seiner Bücher. Ich bin nämlich seit je her fasziniert von den Themen Schlaf, Träume, Schlafwandeln etc. Und ich finde, es ist ein großartiges Gebiet um darin einen Psychothriller anzusiedeln.
Tja, was soll ich sagen? Ich bin vom „Nachtwandler“ schlicht begeistert. Wobei ich schon sagen muss, dass es sich in einigen Punkten von seinen bisherigen Büchern unterscheidet.
Das fängt schon damit an, dass die Geschichte mit vergleichsweise wenigen Charakteren auskommt. Man lernt außer Leon und den wenigen anderen Hausbewohnern kaum weitere Personen kennen. Beispielsweise den Psychiater oder Leons Kumpel. Allerdings kommen mir Romane immer entgegen, bei denen ich mir nicht drei Dutzend Charaktere merken muss. Zweitens sorgte diese geringe Anzahl Personen im Falle des „Nachtwandler“ dafür, dass sich bei mir ziemlich schnell ein beklemmendes Gefühl einstellte. Leon und die paar Leute um ihn herum wirken isoliert vom Rest der Welt. Auch das gefällt mir immer gut, wenn eine Handlung auf solch beschränktem Raum spielt, und sich dann obendrein dort noch seltsam Unheimliches und Gefährliches tut. Das wirkt gleich nochmal bedrohlicher.
Nach einer überstürzten Flucht seiner offensichtlich verängstigten Freundin aus der gemeinsamen Wohnung, fürchtet Leon, dass er -wie schon als Kind- schlafwandelt ist. Womöglich ist er ihr gegenüber in diesem Zustand sogar gewalttätig geworden. Mittels Kopflampe mit Kamera filmt er daraufhin, was er im Schlaf anstellt.
Nun ist man es von Sebastian Fitzeks Psychothrillern ja gewöhnt, dass man oft nicht weiß, was man glauben soll. Was Realität ist und was nicht. Hier wird in dieser Hinsicht noch ein ordentliches Schippchen nachgelegt, so dass vor allem seine ersten Entdeckungen geradezu surreal auf mich wirkten. Das war so einfach kaum vorstellbar und mir war völlig unklar, was das soll und wie das am Ende schlüssig aufgelöst werden würde. In dieser Form ist mir das in diesem Fitzek-Roman zum ersten Mal begegnet. Das war faszinierend und sehr spannend zu lesen.
Nach diesem surrealen Start geht es dann bodenständig, aber  tierisch spannend weiter. Denn  es bleibt nicht bei diesen ersten Entdeckungen. Bei Leons weiteren Nachforschungen reihen sich die eigenartigen und bedrohlich wirkenden Entdeckungen quasi aneinander. Sie haben mich sowohl entsetzt als auch begeistert. Immer waren da die Fragen im Hinterkopf: was soll das? wohin führt das? was steckt dahinter? Dass es nichts Gutes sein würde, das ahnt man von Anfang an ganz automatisch. Manche Szenen dabei waren richtiggehend gruselig, so dass für eine Gänsehaut auf jeden Fall auch gesorgt ist.
Aufgefallen ist mir, dass es in dieser Geschichte in gewisser Hinsicht mehr „zur Sache“ geht. Einige Passagen und auch einige Aussprüche wirkten auf mich roher und effektheischender  als ich das aus Fitzeks Geschichten kenne. Daran habe ich mich etwas gestoßen, denn ich weiß ja, dass er auch ohne solche Mittel für Spannung und Grauen sorgen kann. Glücklicherweise hielten diese Momente sich in Grenzen. Ich hoffe nur, das wird jetzt keine Mode bei seinen weiteren Büchern.
Ganz wichtig ist es, die ganze Geschichte hindurch aufmerksam zu sein. Sonst verheddert man sich im Geschehen in Leons Wach- und Schlafzuständen. Vor allem gegen Ende sollte man dringend gut bei der Sache sein, sonst steigt man durch die letzten Seiten wohl nur schwerlich durch. Es lohnt sich aber. Hier wird die Grenze zwischen Schlaf und Wachsein nochmal gründlich verwischt.  Bleibt man dabei, erlebt man erst eine ehrlich schockierende Erkenntnis und bekommt anschließend eine tatsächlich schlüssige Erklärung für all die eigenartigen Vorkommnisse und Entdeckungen geboten. Ich fand sie cool, auch wenn ich das Gefühl hatte, ihr hier nicht zum ersten Mal begegnet zu sein ;).  Mir gefällt schon alleine die Vorstellung, jemand würde sowas tatsächlich mal ausprobieren…das findet man kleines, böses Ich ausgesprochen reizvoll 😉  Zudem wird einem die Auflösung quasi auf dem Silbertablett serviert. Fragen bleiben da keine übrig.

Das Buch liest sich weg wie nichts. Die Kapitel sind relativ kurz und enden jedes Mal mit einem fiesen Cliffhanger, der einen zum Weiterlesen verleitet. Das bringt Spannung in die Geschichte und sorgt dafür, dass man das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen kann.

Auch der Look des Buches hat mich sofort begeistert. Da gibt es einiges zu entdecken. In der vorderen Klappe findet man ein kurzes Interview mit Sebastian Fitzek zu dieser Geschichte. Es hat allerdings auch eine rückwärtige Klappe, die den seitlichen Schnitt verdeckt. Und darauf ist etwas abgebildet, das man erst einordenen kann, wenn man das Buch gelesen hat. So ganz nebenbei lässt diese Klappe sich auch prima als Lesezeichen verwenden 😉

Fazit:  Super spannend, teilweise geradezu surreal, rasant und mit einigen Gänsehautmomenten. Sebastian Fitzek mal ein wenig anders als man es aus seinen vorigen Büchern kennt. Allerdings noch mal der dringende Tipp: unbedingt gut und konzentriert bei der Sache sein, und das nicht erst am Ende! Sonst besteht die Gefahr, dass man sich verzettelt, nicht mehr durchsteigt und verwirrt zurückbleibt.


Titel: Der Nachtwandler
Autor: Sebastian Fitzek
Seiten: 320
Verlag: Droemer
ISBN: 978-3426503744
Preis: € 9,99 (TB)

Mindnapping (08) – Der schwarze Vogel

Titel: Mindnapping (08) – Der schwarze Vogel / Verlag: Audionarchie / Spielzeit: ca. 44 min / Sprecher: Kerstin Draeger, Oliver Böttcher, Mia Diekow, Gernot Endemann ua

Inhalt: Nach dem Erfolg ihres Debutromans taumelt die Autorin Chloe Watson in eine tiefe Krise, denn ihre zweite Erzählung wird von den Kritikern und der Leserschaft verrissen. Ihr Absturz in die Bedeutungslosigkeit ist vorprogrammiert, doch dann entdeckt sie bei einem Spaziergang die Leiche einer jungen Frau. Wäre das nicht der perfekte Aufhänger für einen neuen Roman? Auf eigene Faust beginnt sie zu ermitteln. Ein fataler Fehler.


Mit der kurzen Spielzeit von gerade mal runden 44 Minuten ist diese Folge erstaunlich kurz geraten. Aber es steht „Psychothriller“ drauf, also ist auch „Psychothriller“ drin. Das funktioniert auch in dieser Kürze. Allerdings nicht unbedingt in einer sonderlich neuartigen Form. Wer schon mal einen Psychothriller gehört oder gelesen hat, den dürfte ziemlich bald eine gewisse Ahnung überkommen, so dass er sich von der geradlinig verlaufenden Story kaum täuschen lassen wird. Bis kurz vor dem Ende der Story ist von einem Psychothriller nicht sonderlich viel zu hören. Die Handlung hat ihre Schreckmomente und Chloe durchlebt nicht nur über Tag, sondern speziell auch in der Nacht in ihren Träumen so manches Grauen. Thriller also ja, für das „Psycho“ muss man sich bis zum Schluss gedulden. Wie gesagt ein sehr klassisches Ende für dieses Genre, das mir persönlich aber immer wieder gut gefällt. In dieser Art war mein erstes Buch dieses Genres gehalten und somit wird das immer zu meinen Favoriten gehören.

Die Sprecherliste zeigt sich äußerst übersichtlich mit gerade mal sechs Sprechern. Kerstin Draeger ist in der Rolle der Chloe zu hören und hat mir darin prima gefallen. Ich mag es, wie unterschiedlich sie Chloe klingen lässt. Mal selbstbewusst und energisch, dann wieder verzweifelt und ängstlich. Mein persönlicher Favorit unter den Sprechern hier war Gernot Endemann alias Chloes Verleger Coon. Mit seiner kräftigen Stimme und dem kategorischen Tonfall hat er mir ein klares Bild dieser Person vermittelt. Auch wenn es nicht immer positiv war, doch das gehört zu der Rolle dazu.

Musikalisch geht es in dieser Folge eher ruhig zu. Leise Melodien aus dem Hintergrund sorgen für eine bedrückende Atmosphäre, und eine Reihe gut ausgewählter und eingesetzter Geräusche runden den positiven Eindruck hier ab. Mir hat speziell der Ruf des schwarzen Vogels gefallen. Da kann man tatsächlich eine Gänsehaut bekommen.

Natürlich ist dieser schwarze Vogel auch auf dem Cover zu sehen wie er einen langen, unheimlichen Gang entlangfliegt. Ein passendes Motiv also, das aber etwas mehr Grusel verspricht als die Geschichte hält.

Fazit:  „Der schwarze Vogel“ ist ein Psychothriller mit sehr klassischem Verlauf. Ich mag diese Form immer wieder gerne, weil ich mich jedes Mal frage, ob so etwas wirklich möglich ist und weil mich der Gedanke jedes Mal wieder schaudern lässt.

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