Rowohlt Wunderlich

Housesitter (Andreas Winkelmann)

Er will dein Haus. Er will deine Frau. Er will dein Leben. Er ist der Housesitter.

Stell dir vor, du kommst mit deiner Freundin aus dem Urlaub in dein Haus zurück. Du merkst sofort, dass irgendetwas anders ist: Die Möbel sind verrückt. In der Küche stehen benutzte Töpfe. Die Handtücher riechen fremd.
Dann spürst du einen jähen Schmerz – und es wird Nacht um dich.
Stell dir vor, du wachst erst nach Tagen im Krankenhaus auf.
Deine Freundin ist verschwunden – entführt.
Denn da draußen ist jemand, der sich nach einem warmen Heim sehnt. Nach einer liebenden Frau. Nach deinem Leben. Und er ist zu allem entschlossen.

Seit einer ganzen Weile schon gehört Andreas Winkelmann zu den Autoren, deren Bücher ich so bald wie möglich nach Veröffentlichung kaufe und lese. Entsprechend hatte ich mich schon lange auf den “Housesitter” gefreut. Der Klappentext klang schon mal sehr vielversprechend.
Es ist ja auch eine schaurige Vorstellung: man kommt aus dem Urlaub zurück und irgendetwas im Haus hat sich verändert. Die Möbel stehen anders und an einigen Stellen sieht es tatsächlich so aus als habe in der Zwischenzeit jemand hier gewohnt. Das ist nichts, was man selber erleben möchte und es bereitet einem eine Gänsehaut. Thomas und Saskia erleben genau das. Und dann wird Thomas niedergschlagen, wird im Krankenhaus wach und erfährt, dass Saskia verschwunden ist, entführt wurde.
Ja, in der Tat, das klang soweit alles ganz nach meinem Geschmack.
Leider muss ich aber sagen, dass “Housesitter” mich dennoch nicht begeistern konnte.
Ja, die Idee des Housesitters ist cool, interessant und vielversprechend, doch die Story, der Krimi um ihn zieht sich zu großen Teilen schier unglaublich. Das fängt bei zahlreichen, für mein Empfinden unnötig langatmigen (Rück)blicken in die Gedanken und Erinnerungen des Täters an, geht weiter mit den Nachforschungen von Thomas, die sehr lange Zeit alles andere als zielführend wirken und mit Ermittlungen an zwei Stellen, die anfänglich überhaupt keinen Zusammenhang zu haben scheinen. Für mich hätte man das alles ruhig etwas kürzer fassen können, dann wäre sicher auch mehr Spannung aufgekommen. Ich habe mich durch diese Passagen aber immer wieder aus der Story, aus dem Spannungsbogen herausgerissen und davon abgelenkt gefühlt. Manches Mal musste ich mich wirklich zusammenreißen, nicht einfach mal ein paar Seiten nur quer zu lesen. Ich bin überzeugt davon, dabei wäre mir nichts Wichtiges entgangen.
Erst zum Ende hin mauserte die Geschichte dann. Plötzlich spürt man, dass die Ermittlungen auf der richtigen Fährte sind, man dem Täter ganz nahe ist und es zunehmend gefährlicher wird. Plötzlich zog dann auch das Tempo an, weshalb ich zumindest das Finale ganz gelungen fand. Solch ein Tempo, solch eine Dramatik hätte ich mir auch vorher an verschiedenen Stellen gewünscht.
Zweiter Knackpunkt waren für mich hier speziell zwei Figuren. Zunächst hätten wir da Thomas. Ich kann es nicht anders sagen, aber für mich ist er schlichtweg eine Flasche. Und das nicht nur wegen des Vorfalls am Flughafen zu Beginn der Geschichte. Da habe ich zwar auch schon den Kopf geschüttelt, aber ich dachte, er würde sich im Laufe des Geschehens schon entwickeln. Davon kann aber lange, sehr lange gar keine Rede sein. Sicher, die Story braucht vielleicht solch eine Hauptfigur um zu funktionieren, abe rman sollte doch meinen, so ein Erlebnis wie das von Saskia und ihm müsste einen Menschen verändern, wütend machen, ihn über sich hinauswachsen lassen. Doch bei Thomas? Bis fast zum Ende keine Spur davon.
Zweitens ist da Kommissar Scheurich. Ich brauche wahrlich keinen gelackten Kommissar mit vorbildlichen Manieren. Ich habe nichts gegen Ecken und Kanten bei einer Figur. Aber solch einen Widerling brauche ich beileibe auch nicht. Er hat mich im Nullkommanichts und danach durchweg vor allem total genervt mit seiner patzigen und ruppigen Art. Und wenn mich eine Figur nervt, dann lese ich ihre Kapitel auch nicht sonderlich gerne.
Mit Priska musste ich zwar auch erstmal warm werden, aber das ging wesentlich besser. Und auch die hat so ihre Macken und Eigenarten. Aber eben auf eine weitaus sympathischere Art. Außerdem hat sich spürbar Köpfchen,was ich bei Scheurich schon sehr vermisste habe. Dafür, dass er es zum Kommissar gebracht hat.

An sich ist die Geschichte nicht schwierig zu lesen. Mir fiel es trotzdem aufgrund erwähnter Längen sehr schwer, jeden Abend nach dem Buch zu greifen und ein Stück weiter zu lesen. Daran haben auch die Schauplatzwechsel und Zeitsrprünge nichts geändert. Normalerweise steigert sowas mein Lesetempo, doch inhaltlich kommt das alles hier einfach viel zu zäh daher. Richtige Kapitel gibt es nicht, mehr größere Absätze. An diesen Stellen kann man genauso leicht eine Pause einlegen wie am Ende eines Kapitels.

Das Cover gefällt mir immer noch sehr gut mit seinen leuchtenden Farben in Kombination mit dem düsteren Grau und Schwarz. Der leuchtende rote Titelschriftzug ist ein Hingucker im Thrillerregal.

Fazit:  Die Idee des Housesitters hat mir super gut gefallen und ich war mir sicher, dass die Geschichte spannend und düster sein würde. So wie ich Thriller eben mag. Doch leider zieht sich die Story teilweise wirklich unglaublich. Dadurch blieb bei mir immer wieder die Spannung auf der Strecke. Ich wurde abgelenkt durch unnötig viele Nebensächlichkeiten und fühlte mich aus dem Fall heraugerissen. Vielleicht hätte ich doch die eine oder andere Seite quer lesen sollen..? Und dann diese Flasche von Hauptfigur und dieses Ekelpaket vom Kommissar. Nichts gegen Figuren mit Ecken und Kanten, aber in diesem Maße nervte es doch sehr schnell. Schade um die gute Idee.


Titel: Housesitter
Autor: Andreas Winkelmann
Seiten: 496
Verlag: Wunderlich by Rowohlt
ISBN: 978-3805251020
Preis: € 14,99 (Broschiert)

Killgame (Andreas Winkelmann)

Killgame (Andreas Winkelmann)Das Mädchen hat Angst. Seit Tagen ist sie in einem Verschlag unter der Erde gefangen.
Jemand öffnet die Klappe und wirft Laufkleidung herunter. Sie klettert aus ihrem Gefängnis und beginnt zu rennen. In die Freiheit. In den Wald.
Da zischt der erste Pfeil haarscharf an ihrem Kopf vorbei…
Dries Torwellen hat geschworen, seine Nichte Nia zu finden, die von zu Hause ausgerissen ist. Die Spur führt ihn zu einer Lodge in den tiefen Wäldern Kanadas. Ihre Betreiber werben mit einem einzigartigen Urlaubserlebnis. Einem Erlebnis, das alle Grenzen sprengt.

Andreas Winkelmanns Bücher sind für mich bislang immer ein Wechselspiel gewesen. Das eine gut, das andere weniger, das nächste wieder toll, da danach folgende widerum schwach. Somit bin ich auf ein neues Buch von ihm immer doppelt gespannt.
“Killgame” war für mich ein Pflichtkauf. Schon alleine wegen Kanada als Hauptschauplatz (wie ich es im Klappentext verstanden hatt). Für mich mit meinem ständigen Fernweh konnte es kaum besser kommen.
Bedauerlicherweise hatte ich mich im Klappentext bzw meiner Ableitung ganz schön geirrt. Es dauerte gar nicht lange bis mir diese Erkenntnis dämmerte. Denn die Handlung spielt keineswegs hauptsächlich in Kandas Wäldern. Ganz im Gegenteil spielt sie sich lange Zeit in Deutschland ab. Der Teil in Kanada erschien mir dagegen erheblich knapper gehalten. Das fand ich schon mal mehr als schade.
Hinzu kam noch, dass mich das Geschehen in Deutschland kaum fesseln konnte. Das lag vor allem daran, dass man kapitelweise fast jedes Mal anderswo dabei war. Wäre die Handlung bei Nia und Dries geblieben, wäre das für mich in Ordnung gewesen. Aber diese ganzen anderen Figuren, Schauplätze und Ereignisse und Erkenntnisse, da habe ich mich irgendwann wirklich gefragt, ob die Story all dies überhaupt gebraucht hätte. Mir fallen einige Punkte ein, die für das Geschehen in Kanada nur mäßig bis gar nicht interessant waren. Wozu also vorab bereits schon solch ein Verwirrspiel und solch ein Hin und Her.
Mir fällt es immer schwer, gespannt bei der Sache zu bleiben, wenn ich ständig aus einem Handlungsstrang wieder herausgerissen werde. Und genau das ist hier dann auch geschehen. Immer, wenn ich dachte, dass es nun endlich spannend würde, wechselten Schauplatz oder Figuren und das bisschen eben aufgekommende Spannung verpuffte augenblicklich.
Dann ging es endlich nach Kanada, was war ich froh und erleichtert! Allerdings hat dieser Part bei mir einzig dafür gesorgt, dass ich dieses Land und seine Landschaften noch dringender erleben möchte als ohnehin schon. Denn das ist Andreas Winkelmann bestens gesorgt: dieses Land einfach als wunderschön und herrlich urwüchsig zu beschreiben. Ich will dahin! Jetzt noch mehr als zuvor bereits!
Dabei ist es aber leider auch geblieben, denn auch in Kanada angekommen wechseln die Handlungsstränge sehr oft. Und so trat genau das bei mir ein wie bei dem Part in Deutschland. Dabei hätte es sicher für so viel mehr Spannung und Grauen gesorgt, mal länger bei den Spielern zu bleiben und sich eingehender mit dem Spiel zu befassen. Denn das ist grausig! Es wäre schön gewesen, das wäre noch mehr rübergekommen.
Und zuletzt: ich brauche keine Geistergeschichte in einem Thriller! Übersinnliches hat für mich in einem ganz normalen Thriller nichts zu suchern. Ganz erhlich, diese Passagen habe ich maximal quergelesen, mehr nicht. Obendrein ist die afrikanische Kultur und ihr Glauben und ihre Mythen einfach nicht eines meiner Interessengebiete. Aber das war nicht der Knackpunkt. Der war -wie gesagt- einfach dieser Gespensterstory in einem Thriller.

Ich habe insgesamt relativ lange für das Buch gebraucht. Dabei liest es sich an sich wirklich gut. Es gibt aber halt auch serh viele erzählenden / beschreibende Passagen. Die lesen sich für mich einfach immer etwas schwerfälliger als zB Dialoge. Eine Kapiteleinteilung gibt es nicht, aber durch die Schauplatzwechsel viele Schnitte. Die kann man gut wie Kapitel nutzen: zum Einteilen der abendlichen Lesehäppchen.

Das Cover hat mir auf Anhieb gefallen als ich von dem Buch hörte. Die blutrote Schrift ist ein Blickfang und lässt auf eine angenehm grausig-blutige Geschichte hoffen. Die Waldszenerie dahinter, eingefangen im Tempo des fliegenden Pfeils, ist thrillermäßig düster.

Fazit: Leider hat mich “Killgame” eher enttäuscht zurückgelassen. Kaum eine Passage war mal ausreichend lang um Spannung aufkommen zu lassen, der Vorlauf vor der Handlung in Kanda deutlich zu lang und das Geschehen in Kanda hatte ich mir grausiger und intensiver vorgestellt. Doch auch das wurde durch die vielen Handlungs- und Schauplatzwechsel sabotiert. Und eine Geisterstory hat in einem Thriller für mich einfach nichts zu suchen. Eines ist der Buch jedoch bestens gelungen: ich möchte nun noch dringender nach Kanada als vor der Lektüre 😉


Titel: Killgame
Autor: Andreas Winkelmann
Seiten: 426
Verlag: Wunderlich by Rowohlt
ISBN: 978-3805250849
Preis: € 14,99 (Broschiert)

Fremd (Ursula Poznanski, Arno Strobel)

Fremd (Arno Strobel, Ursula Poznanski)Stell dir vor, du bist allein zu Haus. Plötzlich steht ein Mann vor dir. Er behauptet, dein Lebensgefährte zu sein. Aber du hast keine Ahnung, wer er ist. Und nichts in deinem Zuhause deutet darauf hin, dass jemand bei dir wohnt. Er redet auf dich ein, dass du doch bitte zur Vernunft kommen sollst. Du hast Angst. Und du verspürst diesen unwiderstehlichen Drang, dich zu wehren. Ein Messer zu nehmen. Bist du verrückt geworden?
Stell dir vor, du kommst nach Hause, und deine Frau erkennt dich nicht. Sie hält dich für einen Einbrecher. Schlimmer noch, für einen Vergewaltiger. Dabei willst du sie doch nur beschützen. Aber sie wehrt sich, sie verbarrikadiert sich. Behauptet, dich niemals zuvor gesehen zu haben. Sie hält dich offensichtlich für verrückt. Bist du es womöglich?
Eine Frau. Ein Mann. Je mehr sie die Situation zu verstehen versuchen, desto verwirrender wird sie. Bald müssen sie erkennen, dass sie in Gefahr sind. In tödlicher Gefahr. Und es gibt nur eine Rettung: Sie müssen einander vertrauen.

Ursula Poznanski und Arno Strobel schreiben zusammen einen Thriller? Als ich davon zum ersten Mal hörte, wanderte das Buch sofort auf meinen Wunschzettel. Auch wenn mich die Bücher von beiden icht durchweg von sich überzeugen konnten, gehören sie doch zu den Autoren, von denen ich mir kein Buch entgehen lasse. Weil es eben doch einige Bücher von ihnen gibt, die absolut meinen Geschmack getroffen haben.
Kaum zog “Fremd” ein, wurde es auch schon gelesen. Ich hatte wirklich große Erwartungen und konnte es einfach nicht auf den SUB legen.
Leider muss ich sagen, dass die Ernüchterung nicht lange auf sich warten ließ. Der Klappentext klang so gut und dann das! Natürlich ist die Situation unheimlich, die Erik und Joanna am Anfang erleben. Erik kommt nach Hause und seine Lebengefährtin Joanna (er)kennt ihn nicht und versucht umgehend, sich vor ihm zu schützen und in Sicherheit zu bringen. Was geht plötzlich vor sich in Eriks einst so glücklichen und geregelten Leben? Erst war ich noch neugierig, doch das verlor sich ebenso schnell wie die anfängliche Spannung.
Ich habe lange überlegt, wieso das so war. Es war gar nicht so einfach, dieser Sache auf den Grund zu geben. Inzwischen bin ich mir sicher, woran es lag. Mir fehlte lange Zeit jeglicher Zugang zu Erik und Joanna. Man bekommt zwar einige Fakten und Informationen über sie an die Hand, aber was für ein Mensch sind sind, welchen Charakter sie haben, das bleibt lange im Dunklen. Das führte bei mir dazu, dass ich mich in keinen von beiden richtig hineinfühlen / hineinversetzen konnte. Wahrscheinlich ist das bewusst so gehalten. Damit man als Leser genauso ahnungslos dasteht wie Joanna und Erik und mit ihnen rätseln kann, aber ich brauche diesen Zugang zu Figuren um mitfiebern zu können. Um eine liebgewonnene / sympathische Figur bange ich viel leichter,mit ihr fiebere ich viel schneller mit als mit einer, über die ich ausser ein paar Fakten nichts weiß.
Und auch das Drumherum konnte die mangelnde Spannung bei den beiden Hauptfiguren nicht ausgleichen. Ja, irgendetwas geht da in Eriks Firma vor. Aber es wurde mir einfach zu sehr nebenbei darauf eingegangen, als dass ich so richtig dran hätte glauben können. Entsprechend hat mich auch dieser Teil nicht gepackt.
Etwa auf der Hälfte der Geschichte wendete sich das Blatt dann zum Glück. Die zweite Hälfte habe ich an einem Abend in einem Rutsch gelesen. Das lag einerseits daran, dass endlich wirklich etwas richtig Dramatisches geschieht, aber vor allen auch daran, dass Joanna und Erik von nun an -so gut es geht- gemeinsam nachforschen, was plötzlich in ihrem Leben vor sich geht. Trotz gewisser Bedenken hier und da, kommen sie zunehmend besser miteinander aus. Dadurch bekam ich endlich eine solch klare Vorstellung von ihrem Wesen, dass ich mit ihnen hoffen und bangen konnte. Endlich kam richtig Schwung und Tempo ins Geschehen und so hatte Langeweile keine Chance mhr bei mir. Ich wollte nun wirklich wissen, was da vor sich geht.So gehört sich das für mich für einen Thriller.
Das wiegt es auch auf, dass mir die Auflösung doch etwas weit hergeholt vorkam. Jedenfalls in der Hinsicht, wieso Joanna plötzlich nichts mehr von Erik weiß. Mag sein, dass so etwas möglich ist, das weiß ich nicht, aber mir kommt es eben ziemlich an den Haaren herbeigezogen vor. Da lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

Für die erste Hälfte des Buchs habe ich geschlagene fünf Abende gebraucht, an denen ich mich immer zwingen musste, wenigstens fünf Kapitel weiter zu lesen. Dabei ist die Geschichte an sich unterhaltsam geschrieben und entsprechend gut zu lesen. Mir war sie einfach inhaltlich zu unspannend. In der zweiten Hälfte spornte der unterhaltsame und leichte Schreibstil dann mein Lesemtempo ordentlich an. Dazu das rasante Geschehen und die abwechselnden Sichtweisen auf das Geschehen, da flogen die Seiten plötzlich nur so dahin.

Das Covermotiv sprach mich sofort an. Es ist schön düster wie ich es für einen Thriller mag. Die Frau blickt misstrauisch drein, was gut zu der Figur der Joanna passt. Auf dem rückwärtigen Deckel ist ein Männergesicht zu sehen, das wohl Erik darstellen soll. Auch er schaut skeptisch und -wie ich finde- auch ein bisschen traurig. Das passt gut zu Erik.

Fazit:  Die erste Hälfte von “Fremd” hat es mir wirklich schwer gemacht. Da man ausser ein paar Informationen nichts über Erik und Joanna erfährt, habe ich keinen Zugang zu ihnen gefunden. Ich habe ihnen quasi aus der Distanz zugesehen, mehr war es nicht. Ich brauche einfach diesen Zugang zu Figuren um mit ihnen fühlen zu können. Das fehlte mir hier, weswegen ich “Fremd” lange absolut unspannend fand. Zum Glück wendete sich das Blatt etwas auf der Hälfte. Von da an ging es so spannend und rasant zu, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. So hat “Fremd” gerade noch die Kurve bekommen.


Titel: Fremd
Autor: Ursula Poznanski, Arno Strobel
Seiten: 400
Verlag: Wunderlich by Rowohlt
ISBN: 978-3805250849
Preis: € 16,99 (Broschiert)

Rezension – Everlasting – Der Mann der aus der Zeit fiel (Holly Jane Rahlens)

Man schreibt das Jahr 2264. Gefühle sind unerwünscht, die Liebe ist ausgestorben. Die Geburtenrate ist gefährlich gesunken. Der junge Historiker und Sprachwissenschaftler Finn Nordstrom, Spezialist für die inzwischen tote Sprache Deutsch, erhält den Auftrag, die 250 Jahre alten Tagebücher eines jungen Mädchens aus dem Berlin des 21. Jahrhunderts zu übersetzen. Öde, findet er. Und albern. Doch dann ist er zunehmend fasziniert von dem Mädchen, das quasi vor seinen Augen erwachsen wird. Schließlich soll Finn in einem Virtual-Reality-Spiel in der Zeit zurückreisen, um das Mädchen zu treffen. Ohne es zu wissen, wird er damit zum Versuchskaninchen der Spieleentwickler. Warum schicken sie ausgerechnet ihn, den Fachmann für tote Sprachen, in die Zeit kurz vor Ausbruch der Großen Epidemie? Und was ist das für ein sonderbares Gefühl, das ihn überkommt, wenn er der jungen Frau begegnet? Bald muss Finn sich entscheiden – für die Liebe oder für die Zukunft …

Dies ist der dritte Anlauf für eine Rezension zu “Everlasting” und ich hoffe , es ist gleichzeitig auch der letzte. Ich musste bei diesem Buch feststellen, dass es unglaublich schwierig ist, ein Buch zu besprechen, das einem vom Anfang bis zum Ende richtig gut gefallen hat. Ich weiß kaum womit ich anfangen soll.
Vielleicht mit dem, was mich sehr erleichtert hat. Nämlich, dass “Everlasting” zwar auch in eine weit entfernte Zukunft blicken lässt, der eine schlimme Katastrophe vorausging, dass es deshalb aber keine finstere Dystopie ist. Statt einer Welt mit  herrischem Regime, einem unterdrückten Volk und steinzeitlich und ausgestoßen lebenden Rebellen, wirkt Finns Welt eher wie einem modernen Science Fiction – Film entsprungen. Mit Shuttles, Robotern, die im Haus helfen, Internet, das im Kopf der Menschen funktioniert statt auf Rechnern, eben sehr modern und futuristisch. Da darf man mich gerne ignorant oder unrealistisch nennen, solch eine Vorstellung gefällt mir deutlich besser, und sie hebt “Everlasting” von den ganzen Dystopien ab.
Natürlich hat auch in Finns Welt die Regierung großen Einfluss, doch hatte ich nie den Eindruck, dass sie ihr Volk unterdrückt. Ebenso natürlich gibt es Menschen, die abseits der Städte leben und noch ein Leben pflegen, wie wir es heute kennen, doch herrscht kein Kriegszustand zwischen diesen beiden “Welten”. Finns Welt funktioniert, woran ich nichts Negatives finden kann.
Doch dann bekommt er eine Aufgabe zugeteilt, die sein Leben gründlich auf den Kopf stellt. Finn ist Übersetzer und soll das Tagebuch eines 13jährigen Mädchens übersetzen, das im 21. Jahrhundert lebte. Was er anfangs für langweilig hält, macht ihm jedoch zusehends Spass. Und dieses Vergnügen überträgt sich wunderbar auf den Leser. Ich habe mich bei Elianas Tagebucheinträgen sehr amüsiert. Es ist aber mindestens ebenso spaßig zu lesen, wie dieses für uns Normale bei Finn ankommt. Denn er weiß natürlich nicht, was zB Chucks sind, was DSDS ist oder ein Princess-Skull-Skateboard.
Auch als Finn später in dem Spiel in die Vergangenheit reist, erlebt man immer wieder solche Momente. Er sieht etwas, das für uns heute ganz normal ist, kann es aber nicht benennen, beschreibt es deshalb, und spätestens dann macht es *klick* und man weiß, was er vor sich hat. Es ist erstaunlich und auch etwas verrückt, wie ungewöhnlich einem dabei etwas ganz Gewöhnliches erscheint.
Doch das ist natürlich nicht der Kern der Geschichte. Das zentrale Thema ist die Liebe, die sich zwischen Finn und Eliana entwickelt. Denn Finn liest auch weitere Tagebücher von ihr und sieht so quasi zu, wie sie heranwächst. Und auf den Reisen in die Vergangenheit trifft er sie. Da Gefühle in Finns Welt nebensächlich sind und speziell das Gefühl “Liebe” mindestens ungewöhnlich, ist es ebenso vergnüglich mitzuerleben, wie er dieses Gefühl erlebt und wie er damit umgeht. Da er es zuvor nie kennengelernt hat, hat er einen extrem unschuldigen Blick darauf, und so wirkt nichs von dem, was er sagt oder tut übermäßig kitschig. Es ist einfach nur schön.
Die Beziehung zwischen ihnen nimmt jedoch auch auf Finns sonstiges Leben Einfluss. So ist es in seiner Welt nicht üblich, dass man von ich selber als “ich” spricht, sondern es verallgemeinert und beispielsweise über sich sagt “dieser Übersetzer”. Ein Satz von Eliana macht ihm aber deutlich, wie wichtig und aussagekräftig dieses Wörtchen “ich” sein kann. Er übernimmt es für sich und das zeigt sich in einem Wechsel der Erzählweise der Geschichte. Das hat mir sehr gut gefallen, weil es unerwartet ist und weil es sehr deutlich macht, um wieviel instensiver eine Erzählung dadurch wirken kann. Ein cleverer Kniff, den Holly Jane Rahlens angewendet hat.
Gelungen sind auch die Entwicklungen der Geschichte, speziell zum Ende hin. Denn hier finden sich Elemente vom Anfang der Geschichte wieder, die einem bisher nicht so besonders wichtig erschienen, nun aber bedeutend sind. So fließen Teile des Anfangs mit ins Ende ein und geben ihm eine unerwartete Richtung.
Das Ende selber werde ich hier selbstverständlich nicht verraten, aber ich habe es als ein sehr schönes und gut durchdachtes Ende empfunden, bei dem nicht zu viel und nicht zu wenig verraten wird.

Ich hatte “Everlasting” innerhalb von zwei (langen) Abenden ausgelesen. Es liest sich prima. Die Tagebucheinträge lockern auf und auch der Wechsel im Erzählstil macht es einem leicht, dabei zu bleiben. Die Kapitel sind nicht zu lang und tragen  Titel, die alleine schon neugierig darauf machen, wie es in der Geschichte weitergeht. Da macht das Lesen Spaß!

Das Cover zeigt den Flakon von Elianas Parfüm, das den Namen “Everlasting” trägt und damit einen Teil des Titels stellt. Bitte nicht vom Pink täuschen lassen. Auch wenn das Buch so geradezu zu schreien scheint “ich bin eine Teenie-Herz-Schmerz-Story”, das stimmt nicht. Die Geschichte ist wesentlich mehr.

Fazit:  Ich könnte noch ewig von diesem Buch schwärmen. Das sagt wohl alles. Ich hatte es nicht unbedingt erwartet, aber an “Everlasting” hat für mich einfach alles gepasst. Ein erfrischend anderer Blick in die Zukunft, eine Geschichte, die hier und da zum Nachdenken anregt, und sehr gefühlvoll geschrieben und durchweg mit einer Prise Komik gewürzt ist. Klasse!

Danke an den Rowohlt Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Titel: Everlasting – Der Mann, der aus der Zeit fiel
Autor: Holly Jane Rahlens
Seiten: 432
Verlag: Rowohlt Wunderlich
ISBN: 978-3805250160
Preis: 14,95 (Broschiert)

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