Trauer

Loveletters to the dead (Ava Dellaira)

lovelettersdeadEs beginnt mit einem Brief. Laurel soll für ihren Englischunterricht an eine verstorbene Persönlichkeit schreiben. Sie wählt Kurt Cobain, den Lieblingssänger ihrer Schwester May, die ebenfalls viel zu früh starb. Aus dem ersten Brief wird eine lange Unterhaltung mit toten Berühmtheiten wie Janis Joplin, Amy Winehouse und Heath Ledger. Denn die Toten verstehen Laurel besser als die Lebenden. Laurel erzählt ihnen von der neuen Schule, ihren neuen Freunden und Sky, ihrer großen Liebe. Doch erst, als sie die Wahrheit über sich und ihre Schwester May offenbart, findet sie den Weg zurück ins Leben und kann einen letzten Brief an May schreiben.

Mit diesem Buch war es wieder einmal so eine Sache. Hier und da hatte ich aufgeschnappt, dass viele Leseratten darauf warten. Das weckt meist mein Interesse so nach dem Motto: nicht, dass mir da ein tolles Buch entgeht! Der Klappntext klang in meinen Ohren auch nicht so übel und ein hübsches Cover hat das Buch auch. Gründe genug, dass ich es mir vorgeknöpft habe.
Die Idee mit den Briefen, die Laurel an die Toten schreibt, gefiel mir auf Anhieb. Anfangs konnte ich mir zwar nicht vorstellen, dass aus einzelnen Briefen an verschiedene Leute eine griffige Geschichte entstehen könnte, aber zumindest dauerte es nicht lange bis ich einen groben Überblick hatte. Über Laurel, ihre Situation und das Drama um ihre verstorbene Schwester May.
Leider war es dann ausgerechnet May, die meiner anfänglichen Begeisterung einen Dämpfer versetzte. Ich habe Laurel gerne geglaubt, dass sie ihre Schwester geliebt hat und sie schrecklich vermisst, aber dass sie sie ständig in höchsten Tönen lobt und in den Himmel hebt, das ging mir bald tierisch auf den Keks. So perfekt kann doch kein Mensch sein! Nicht mal in einer Geschichte! Außerdem drängte sich mir speziell dadurch die Ahnung auf, dass May im Wahrheit keineswegs eine kleine Heilige gewesen war.
Ob meine Ahnung zutraf, verrate ich hier jetzt nicht. Es dauert auch im Buch ewig lange bis man darauf eine Antwort bekommt. Bis dahin hätte ich Laurel oft gerne geschüttelt und sie gebeten, mit dieser Lobhudelei aufzuhören. Spannung wollte bei mir so lange nicht aufkommen. Natürlich hat es mich interessiert, was damals bei dem Unfall vorgefallen ist, schließlich deutet Laurel alle naselang an, dass sie Schuld ist. Aber dass ich nägelknabbernd auf die Auflösung gewartet habe, das stimmt nun wirklich nicht.
Wenn Laurel nicht gerade von ihrer Schwester schwärmt, dann ist sie eigentlich ein relativ normaler Teenager, und der hat natürlich noch weitere Probleme: die Schule, Freundinnen, den ersten Freund, Lehrer…ja, “Love Letters to the dead” ist über weite Strecken einfach nur eine Teenie-Highschool-Story mit dem üblichen Brimborium, das dazu gehört. Immerhin entwickelt sich nach und nach daraus ebenfalls eine kleine Geschichte, doch das dauert. Es lohnt sich jedoch, bis dahin durchzuhalten. Ich muss gestehen, dass mich die Handlung um Laurels Freundinnen mehr begeistert und berührt hat als Laurels Geschichte. Und auch das Familienleben ihres Freundes Sky habe ich als interessanter und trauriger empfunden. So ein feiner Kerl und solch ein Leben…
Selbstverständlich wartet am Ende des Buchs der große Knall. Die Auflösung. Die Wahrheit über Mays Unfall und die Antwort auf die Frage, wieso Laurel sich dafür die Schuld gibt. Ganz ehrlich, damit hatte ich absolut nicht gerechnet! Das ist tatsächlich der Hammer, was in der Zeit vor dem Unfall vorgefallen ist. Da stand mir erstmal der Mund offen vor Staunen und Entgeisterung!
Allerdings kam es wie aus heiterem Himmel. Nie, wirklich nie zuvor wurde es auch nur mit einem Wort angedeutet. Da darf man erstmal staunen, denke ich. Trotzdem! Es ist schwer zu erklären, aber auf mich wirkte das so als habe nun noch ein Hammer hermüssen, weil die Geschichte bis dahin eher vor sich hin geplätschert war. Und so leid es mir tut, vor diesem Hintergrund konnte ich Laurels Schwärmerei für May noch viel weniger nachvollziehen und musste mich schon wieder über sie ärgern. Abgesehen davon halte ich es für unrealistisch, dass ein Mädchen, dem so etwas passiert ist, anschließend so -vergleichsweise unbedarft- durch ihr Teenieleben geht.
Außerdem habe ich mich die ganze Geschichte hindurch gefragt, ob die anvisierte Leserschaft mit Laurels “Brieffreunden” überhaupt etwas anfangen kann. Ich verbinde etwas mit Namen wie John Keats, Jim Morrison oder auch Judy Garland. Aber tut das die DSDS-Generation ebenfalls? Machen sie diese Namen neugierig? Ich hoffe es, habe aber meine Zweifel.

Die Geschichte ist komplett in Briefform geschrieben. Das liest sich super leicht und abwechslungsreich. Da liest man schnell mal ein paar Briefe hintereinander weg und ist plötzlich ein gutes Stück im Buch vorangekommen. Wer nicht gerne in größeren Happen liest, hat aber auch alle paar Seiten eine Gelegenheit zur Pause. So ein Brief ist halt meist nicht so lang. Auch das hat seine Vorteile.

Das Cover gefällt mir noch immer sehr gut! Ich mag die schönen Farben des Abendhimmels und den Titelschriftzug, der so handgeschrieben aussieht. Das passt gut zu den Briefen, aus denen die Geschichte besteht. Das hübsche Mädchen zwischen den Zeilen mag ich ebenfalls. Es wirkt etwas geheimnisvoll, weil man das Gesicht hinter den Haaren nicht sieht.

Fazit:  Die Idee, diese Geschichte ausschließlich in Form von Briefen an verstorbene Berühmtheiten zu erzählen, hat mir gefallen! Ich hatte anfangs nicht geglaubt, dass sich daraus eine griffige Story entwickeln würde, wurde aber eines Besseren belehrt. Leider fand ich die Geschichte nicht spannend. Stattdessen war ich durchgängig genervt von Laurels ständiger Lobhudelei auf ihre Schwester May. Erst recht als am Ende die Wahrheit ans Tageslicht kommt! Und sonderlich glaubwürdig fand ich Laurels Verhalten und Denken auch nicht, als ich dann wusste, was vor dem Unfall vorgefallen war. Die Nebenschauplätze bei Sky und Laurels Freundinnen dagegen fand ich ganz interessant und häufig haben sie mich zum Durchhalten bewegt. Sie waren für mich quasi die Krücken der eigentlichen Geschichte, aber so sollte ein gutes Buch halt nicht funktionieren.


Titel: Love Letters to the dead
Autor: Ava Dellaira
Seiten: 416
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570163146
Preis: € 17,99 (HC)

Schattenblüte (01) – Die Verborgenen (Nora Melling)

Eine Liebe, stärker als der Tod
Seit dem Tod ihres Bruders ist für Luisa nichts mehr, wie es war. Sie beschließt zu sterben. Aber kurz vor dem letzten Schritt hält jemand sie auf: Thursen nennt sich der Junge mit den ­geheimnisvollen Schattenaugen. Mit einer Gruppe ­Jugendlicher lebt er im Wald, und er spürt Luisas Schmerz. Die «Verborgenen» können ihre Gestalt ändern: Sie sind ­Werwölfe. Mit jeder Verwandlung wird Thursen mehr zum Tier – und die Erinnerungen an sein vorheriges Leben verblassen. Bald wird er ganz Wolf sein. Dann hat Luisa auch ihn verloren. Für ihre große Liebe ­würde sie alles tun. Doch reicht das, um Thursen zu retten?

Werwölfe. Mein Instinkt hatte mich gewarnt. Aber ich bin ja ein optimistischer Mensch (jedenfalls meistens ;)) und hoffe so jedes Mal aufs Neue, mal wieder eine andersartige Geschichte in diesem Genre anzutreffen.
Die Werwölfe waren auch gar nicht mein Problem an dieser Geschichte. Ganz im Gegenteil: Werwölfe mitten in Berlin, der Gedanke hat mir gefallen. Das würde meine Lieblingsstadt glatt noch attraktiver machen 😉
Mein erstes Problem war Luisa selber. Ja, sie hat ihren kleinen Bruder verloren, den sie sehr geliebt hat. Ihre Eltern ziehen mit ihr weg, so dass sie nicht mal einen Ort zum trauern hat, und sie spielen verbissen heile Welt. Dabei übersehen sie ganz, wie sehr Luisa leidet. Das ist alles sehr traurig, ganz ohne Zweifel.
Allerdings hatte ich Luisa ihre Trauer schon nach einem Drittel des Buches abgenommen und Mitgefühl mit ihr gehabt. Dass diese Trauer alle paar Seiten neu aufgekocht und thematisiert wird, das ging mir irgendwann auf die Nerven. Dabei habe ich Luisa sonst durchaus auch als stark und selbstbewusst empfunden. Der Eindruck, dass sie leidet und trauert verliert sich beim Lesen doch nicht, nur weil er nicht immer wieder aufgefrischt wird!
Solche Widersprüchlichkeit in Luisas Wesen zeigt sich aber auch an anderer Stelle. Nämlich wenn sie Thursen zum x-ten Mal androht, jetzt für immer zu gehen…und dann nach maximal fünf Seiten wieder zu ihm rennt. Was der übrigens gar nicht verdient, denn ER macht ganz sicher die wenigsten Fehler von den beiden.
Der wesentliche Knackpunkt für mich war jedoch die Story an sich. Mir fehlte bei ihr der berühmte rote Faden. Um was genau geht es in der Geschichte? Mal dreht sich alles um Luisas Trauer, mal um die Liebe zwischen ihr und Thursen, die so hoffnungslos ist. Dann besteht plötzlich die Gefahr für Luisa, sich den Wölfen anzuschließen. Dann wieder forscht sie nach Thursens Vergangenheit und seinem richtigen Namen, der ihn eventuell von seiner Existenz als Werwolf erlöst. Dann stößt ein neues Mädchen zum Wolfsrudel und alles dreht sich um sie. Dann wird ein Wolf getötet und das Rudel sinnt auf Rache. Dann, dann, dann. Zig angefangene Handlungsstränge, die aber nie zusammenlaufen um ein Ganzes zu ergeben und von denen auch nur einer wenigstens vorläufig abgeschlossen wird.
Natürlich werde ich auch Band 2 lesen, und hoffe sehr, dass dann alle diese Enden verknüpft werden. Sie sind ja nicht uninteressant, wirken in Band 1 aber einfach unausgegoren. Ich erwarte bei einem Mehrteiler kein abschließendes am Ende von Teil 1, aber mit so vielen “Anfängen” habe ich mich verloren, verwirrt und auch leicht verärgert zurückgelassen gefühlt.
Zuletzt sei noch erwähnt, dass es mir auch ein wenig an Romantik und Liebe gefehlt hat. Dass sich die beiden ohne ein Wort, nur durch einen Blick und eine Berührung unsterblich verlieben, okay. Das ist wohl so, wenn man plötzlich einem Werwolf, Vampir etc gegenübersteht. Von mir aus! Aber so verliebt sie sind…gefühlt habe ich davon später nur selten etwas. Es muss nicht zwischen den Seiten heraustriefen, aber eine gewisse Romantik gehört zu einer Liebesgeschichte.

Luisa erzählt selber von ihrer Liebe zu Thursen und den Abenteuern, die sie mit und wegen der Werwölfe erlebt. Das sorgt dafür, dass der Ton jugendlich ist. Zudem gelingt es so besonders gut, dem Leser Luisas Gefühlswelt zugänglich zu machen. Zu Beginn der Kapitel sind jeweils eine Blüte und schwarze Vögel abgedruckt, was mir gefallen hat. Solche Kleinigkeiten werten ein Buch (und manchmal auch eine Geschichte) für mich immer etwas auf. Fest gebunden ist das Buch nicht. Das Cover ist zwar stabil, aber noch flexibel.

Das Covermotiv gefällt mir sehr gut, weil es so düster gehalten ist. Die grau-schwarze Blüte, das blasse Gesicht mit dem eindringlichen Blick unter kohlschwarzen Wimpern, das hat was! Soweit ich mich erinnere, ist Luisa allerdings blond…
Die Tropfen und der Titelschriftzug sind leicht erhaben eingeprägt. Auch das mag ich bei Covers immer sehr.

Fazit:  Ich hoffe, im zweiten Teil werden die hier begonnenen Handlungsstränge weitergeführt, vertieft und schlüssig beendet. Mir hat in diesem ersten Teil einfach ein roter Faden gefehlt. Zudem konnte ich mich mit Luisa nicht richtig anfreunden. Mir sind ihre Handlungen und ihr Wesen zu widersprüchlich. Und bitte, liebe Luisa, das mit deinem Bruder tut mir sehr leid. Das wird auch bei Band 2 noch so sein. Es muss also nicht wieder ständig widerholt werden.

Danke an den Rowohlt Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Titel: Schattenblüte (01) – Die Verborgenen
Autor: Nora Melling
Seiten: 352
Verlag: Rowohlt Polaris
ISBN: 978-3499254468
Preis: 14,95 (HC)

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